Frühchen aus Neubrandenburg wird ein Jahr alt : "Sie hat sich durchgekämpft"

<strong>Bei der Geburt</strong> wog Paulina 490 Gramm. Jetzt bringt sie acht Kilo auf die Waage. <foto>Foto: dpa</foto>
Bei der Geburt wog Paulina 490 Gramm. Jetzt bringt sie acht Kilo auf die Waage. Foto: dpa

Das Wort "Geburtstag" hat für Stefanie Möller aus Neubrandenburg zwei Bedeutungen bekommen: Vor einem Jahr brachte die 24-jährige Rollstuhlfahrerin Paulina Emily zur Welt. Das war in der 22. Schwangerschaftswoche.

svz.de von
07. Juni 2012, 11:48 Uhr

Neubrandenburg | Das Wort "Geburtstag" hat für Stefanie Möller aus Neubrandenburg zwei Bedeutungen bekommen. Vor gut einem Jahr brachte die heute 24-jährige Rollstuhlfahrerin Paulina Emily zur Welt. "Das war in der 22. Schwangerschaftswoche, womit Paulina zu den am frühesten geborenen Kindern in Deutschland gehört", erklärt Kinderarzt Sven Armbrust. Paulina wiegt inzwischen acht Kilogramm, ist kräftig und auch motorisch ist alles in Ordnung, sagen die Ärzte.

Mutter und Kind begehen an diesem Freitag den ersten Geburtstag: "Wir feiern aber Anfang Oktober nochmal, das wäre der eigentliche Geburtstermin gewesen", erklärt die Mutter.

Armbrust und Paulina kennen sich schon von Geburt an. Der Mediziner arbeitete in der Greifswalder Uniklinik, als das "Extrem-Frühchen" zur Welt kam. Eigentlich gilt die 24. Schwangerschaftswoche als absolute Überlebensgrenze. Die Geburt hinauszuzögern, ging aber nicht mehr, erinnert sich die Mutter.

Mit einem Geburtsgewicht von 490 Gramm und und einer Größe von 27 Zentimetern war Paulina kleiner als ein Din-A-4-Blatt. Sie musste mehrere Monate in der Klinik bleiben und über Wochen beatmet werden.

Ende 2011 kam sie nach Neubrandenburg, wo ihre Mutter lebt. Auch Armbrust wechselte und übernahm die Leitung der Kinder- und Jugendklinik am Bonhoeffer-Klinikum Neubrandenburg. "Es grenzt schon an ein Wunder, dass die Kleine das bisher so gemeistert hat", sagt Armbrust.

Heute kommt das Kind nur noch etwa alle acht Wochen zur Untersuchung. "Es ist zu früh, um abschließend sagen zu können, ob sie alles aufholen kann", erklärt der Arzt. Aller Erfahrung nach sind sogenannten Teilleistungsschwächen bei Frühgeburten häufiger anzutreffen. "Doch bisher sind keine Anzeichen dafür erkennbar." Paulina dreht sich im Liegen um, will stehen, brabbelt und ist auch sonst sehr aktiv, erzählt ihre Mutter. "Man darf nie vergessen, dass das Mädchen eigentlich erst sechs bis sieben Monate alt wäre und diesen Entwicklungsstand hat sie auch", schätzt Armbrust ein.

Beim Meistern bekannter Frühchen-Probleme kommt Paulina auch der medizinische Fortschritt zu Hilfe. "Die lange Beatmung mit Sauerstoff ist immer schädlich für die Augen", erläutert der Kinderarzt. So führte das in der Vergangenheit bei Frühgeborenen dazu, dass es Probleme mit der Netzhaut im Auge gab. "Inzwischen gibt es eine Antikörpertherapie, die bei Paulina angewendet wurde. Diese Antikörper verhindern ungewolltes Gefäßwachstum unterhalb der Netzhaut, so dass diese sich ordnungsgemäß entwickeln kann." So etwas wäre vor zehn Jahren noch nicht möglich gewesen, schildert Armbrust.

Für Paulinas Mutter war von Anfang an klar, dass die Kleine es schafft: "Auch ich musste mich von Anfang an durchkämpfen", sagte die 24-Jährige, die eine Lehre als Bürokraft absolviert hat, zuletzt aber ohne festen Job war. "Ich würde gern wieder arbeiten, wenn die Kleine in eine Kindereinrichtung geht", erzählt die Frau, während sie mit dem Rollstuhl und dem Kinderwagen durch die Klinik kurvt. Die Entwicklung von Paulina habe ihr Mut gemacht: Die Kleine soll auch noch einen Bruder oder eine Schwester bekommen.

Jedes zehnte Baby zu früh geboren: Von einer Frühgeburt spricht man, wenn der Säugling vor Vollendung der 37. Schwangerschaftswoche (SSW) zur Welt kommt. Eine übliche Schwangerschaft dauert 40 Wochen. Laut einer aktuellen Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO wird eins von zehn Babys weltweit zu früh geboren. Die Zahl ist dabei in fast allen Ländern steigend. zvs

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen