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Prozess um totes Baby : „Sie hat es drauf ankommen lassen“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Prozess um totes Baby: Psychiater stellt Gutachten vor

svz.de von
erstellt am 28.Aug.2014 | 07:33 Uhr

Das Baby hatte alles, was ein Mensch zum Leben braucht. Arme, Beine, sogar Haare. Es bekam auch einen Namen. Einen sehr modernen Doppelnamen. Doch da war der kleine Junge schon tot. Und tot war er, kaum, dass er das Licht der Welt erblickt hatte. Seine Mutter hat ihn im April 2013 allein in ihrer Wohnung in Grevesmühlen in der Badewanne geboren. Dann soll sie ihn unter Wasser gedrückt haben. „Ich gab J. noch einen Kuss, dann habe ich ihn wieder in die Wanne gelegt“, wird sie viel später sagen. Die 28-Jährige steht wegen Totschlags vor dem Schweriner Landgericht und die Richter versuchen, die genauen Umstände zu klären. Gestern sollte dabei der psychiatrische Sachverständige helfen. Professor Frank Häßler von der Rostocker Universitätsklinik gilt als renommierter Gutachter, wenn es um Kindstötungen geht. Er hat die Angeklagte in Rostock zum Teil gemeinsam mit einer Kollegin untersucht und sie zudem im Prozess beobachtet. Gestern stellte er den ersten Teil seines Gutachtens vor. Hinweise auf eine krankhafte Störung, so viel sei vorweg genommen, hat er nicht festgestellt. Jedoch einige Auffälligkeiten in ihrer Person. Von einer Vergewaltigung, als sie 16 Jahre alt war, ist die Rede. Von einer dominanten Mutter, die sich dennoch kümmerte. Von Überforderung, fehlender Geduld, fehlenden Emotionen.


Veränderte Aussagen per „Salami-Taktik“


Auch ihm hatte die junge Frau zuerst eine andere Variante des Tathergangs erzählt, als später vor Gericht. Ihren 2011 geborenen Sohn habe sie zu Bett gebracht, heißt es darin, und sich dann in die Wanne gelegt. Dann sei alles ganz schnell gegangen – heftige Wehen, Geburt, Ohnmacht. Als sie wieder zu sich kam, habe das Kind nicht mehr gelebt. „Nach dieser Version hätte sie keinerlei Anteile am Tod des Kindes gehabt“, sagt der Gutachter. Doch er nahm ihr diese Version genauso wenig ab, wie schon ein Polizist am Anfang der Ermittlungen. In der Manier von „Salami-Taktik“ habe sie dann Stück für Stück ihre Aussage geändert, meint der Mediziner. „Mir war, als ob er ein Bein bewegte“, habe sie dem Gericht erzählt, als die Öffentlichkeit ausgeschlossen war.

Dass der Kleine lebensfähig war, hatte auch ein Gerichtsmediziner festgestellt. Doch die 28-Jährige, so Professor Häßler, habe das Kind nie gewollt. Sie hatte schon drei Kinder zur Welt gebracht, deren Erziehung sie überforderte. Eine Tochter lebt bei der Oma, eine beim Kindsvater, dem vom Gericht das Sorgerecht zugesprochen wurde. Sie lässt eine Schwangerschaft abbrechen, dann wird sie erneut schwanger. Nur drei Leute wissen, dass sie wieder in anderen Umständen ist. Ihre Mutter ist nicht darunter. Einen Arzt sucht sie nie auf. Sie rechnet sich den Geburtstermin selbst aus, informiert sich im Internet über anonyme Geburt und Babyklappe. Am Ende unternimmt sie nichts, packt keine Tasche, wählt keine Klinik. „Sie hat es drauf ankommen lassen“, sagt der Arzt. Er soll sein Gutachten in der kommenden Woche fortsetzen.

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