Insel Rügen : Sicherheitscheck an Kreideküste

Ein Mitarbeiter des Nationalpark Jasmund stapelt Sandsäcke auf die Plattform an der Victoriasicht
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Ein Mitarbeiter des Nationalpark Jasmund stapelt Sandsäcke auf die Plattform an der Victoriasicht

Die Victoriasicht mit der Plattform in 110 Metern Höhe auf Rügen wird einmal im Jahr überprüft

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03. Mai 2017, 21:00 Uhr

Prüfingenieur Helmut Domahs macht das, was an der Rügener Kreideküste eigentlich niemand darf: Mit einem Handy in der Hand klettert er über die Absperrung an der Abbruchkante, um ein Foto zu schießen. Der Mann von der Dekra hat dabei nicht die spektakuläre Landschaft mit Steilküste und die 110 Meter tiefer gelegene Ostsee im Blick, sondern Stahl und Felsen.

Einmal im Jahr prüft die Dekra die Victoriasicht – einen der meist besuchten Aussichtspunkte an der Steilküste – auf Standfestigkeit. Gestern war es wieder soweit. Auf Bauunterlagen können sich die Prüfer dabei nicht beziehen. Der vielbesuchte Austritt, auf dem der Besucher quasi über die Kante der Steilküste hinaustritt, birgt ein Geheimnis: „Wir wissen nicht, wann er erbaut und wie er in der Steilküste verankert ist“, sagt Nationalpark-Revierleiter Rico Markmann. Ein Gedenkstein erinnert zwar an die Benennung des Aussichtspunktes durch den preußischen König Wilhelm I. im Jahr 1865. In welchen Jahrzehnten danach die Plattform entstand, ist offen.

Statt aufwendiger technischer Geräte benötigt Domahs für den Test vor Ort nur Sandsäcke. „Wir machen eine Lastprobe“, erklärt der Dekra-Mann. Mitarbeiter des Nationalparks Jasmund stapeln dazu Zug um Zug 76 Sandsäcke mit einem Gewicht von je 14 Kilogramm auf die Plattform – insgesamt 1064 Kilogramm.

Die Plattform biete Platz für zwei Personen, sagt Domahs. Unter der nahezu zehnfachen Belastung werde geschaut, ob sich Veränderungen an den Befestigungspunkten zeigen.

Seit Mitte der 1990-er Jahre lässt die Nationalparkverwaltung durch die Dekra die Plattform regelmäßig nach „Betriebssicherheitsverordnung“ prüfen. Anders als andere Aussichtspunkte auf Geländevorsprüngen wie die Ernst-Moritz-Arndt-Sicht handele es sich bei der Plattform um ein technisches Bauwerk, begründet Revierleiter Markmann den regelmäßigen Sicherheitscheck. Wie viele der schätzungsweise jährlich etwa eine Million Besucher des Nationalparks die Victo-riasicht betreten, kann die Nationalparkverwaltung nicht sagen.

Die Kreideküste ist in Bewegung – auch an der Victoria-sicht. Jedes Jahr brechen durch den Wechsel von Frost und Tauwetter und durch natürliche Erosion kleinere oder auch größere Stücken aus der etwa 13 Kilometer langen Küstenformation. „An der Victoriasicht hält sich der Rückgang mit nur wenigen Millimetern in Grenzen“, sagt Nationalparkamt-Revierleiter Markmann. Die Victoria-sicht bestehe aus stabileren Kreidehorsten, die nicht so stark überformt worden seien. Dennoch wurden vor etwa 15 Jahren die Stahlträger an der Victoriasicht verstärkt.

An den Befestigungspunkten beobachtet Domahs auch in diesem Jahr unter der tonnenschweren Belastung keinerlei Veränderungen. Später wird er die Fotos aus diesem Jahr am Computer zu den Aufnahmen aus den Vorjahren stellen und vergleichen. Dennoch zeigt Domahs bereits gestern mit dem Daumen nach oben und schraubt die aktuelle Plakette ans Geländer.

Die Nürnbergerin Ingrid Haft, die vom Königsstuhl nach Sassnitz wandert, beobachtet die Prüfung mit Interesse. „Da hat man doch gleich ein sicheres Gefühl“, meint die Urlauberin. Auch wenn sie die Prüfung an der Metallplattform befürworte, solle nicht alles im Nationalpark reguliert werden. Die vorhandenen Warnschilder und Absperrungen genügten. „Man muss sich nur daran halten.“ Vor anderthalb Wochen war eine 20-jährige Frau an der Ernst-Moritz-Arndt-Sicht bei dem Versuch abgestürzt, ein Foto zu schießen. Auch dort warnen Schilder vor der Gefahr.

Nach Angaben des Nationalparks wurden zu Anfang der 2000er Jahre noch 25 Treppen und Leitern im Nationalpark durch die Dekra geprüft. Ein Großteil davon sei inzwischen rückgebaut, sagt Markmann.

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