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Forschungsprojekt Kernfusion : Sibirische Kälte im Reaktor

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Frostprogramm für Wendelstein – Fusionsprojekt nähert sich Betrieb

Nach jahrelangen Verzögerungen nähert sich das Fusionsexperiment „Wendelstein 7-X“ in großen Schritten seiner Inbetriebnahme. Die Forscher des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik in Greifswald haben mit dem Herunterkühlen von 450 Tonnen Metall auf minus 270 Grad Celsius begonnen – Voraussetzung dafür, dass die Magnetspulen supraleitend werden, in denen später das bis zu 100 Millionen Grad heiße Plasma gehalten werden soll. „Das ist der entscheidende Schritt in der Inbetriebnahmephase“, sagte gestern der wissenschaftliche Leiter Thomas Klinger.

Im Spätsommer 2015 wollen die Forscher mit den ersten Tests mit Wasserstoff und Helium in dem ringförmigen, insgesamt 725 Tonnen schweren Plasmagefäß beginnen, um die Verschmelzung von Atomkernen ähnlich den Prozessen auf der Sonne zu erforschen. Die Betriebsgenehmigung steht noch aus. „Die mehr als 1200 Seiten umfassenden Antragsunterlagen sowie die Anlagenkomponenten befinden sich derzeit im Prüfprozess“, sagte eine Sprecherin des zuständigen Landesamtes für Gesundheit und Soziales (LAGuS). Grundsätzlich werde die Genehmigung nur erteilt, wenn alle gesetzlichen Forderungen und damit die Einhaltung des Strahlenschutzgesetzes erfüllt seien.

Grüne und Umweltverbände hatten vor zwei Jahren Sicherheitsbedenken geäußert, worauf ein umfangreicher Prüfprozess eingeleitet worden war. Die Sicherheitsbedenken zur Abschirmwirkung der Experimentierhalle gelten aus Sicht des Landesamtes durch ein Gutachten als „vollständig entkräftet“. 

Die Tests in der Fusionsanlage in Greifswald sollen dazu beitragen, eine völlig neue Primärenergiequelle zu erschließen. Die Kernfusion – so die Physiker – sei eine CO2-freie Ergänzung zu erneuerbaren Energien. Als Konkurrenz zu Wind und Sonne sieht Klinger die Fusion nicht, aber als Ersatz für Kohle und Gas.

Rund sechs Wochen wird das Herunterkühlen der Anlage noch dauern, schätzt der Institutsleiter. Bislang laufe alles reibungslos. Ähnlich wie in einem Kühlschrank wird dabei verdichtetes Heliumgas durch das kilometerlange Rohrsystem geleitet und entspannt. „Die elektrische Anschlussleistung für das Abkühlen beträgt 3,5 Megawatt. Das entspricht der Leistung von 6000 Kühlschränken.“ Das Abkühlen ist gleichsam die Nagelprobe für die Solidität und Robustheit der Fusionstestanlage. „Hier zeigt sich, ob das kilometerlange Rohrsystem auch unter kalten Bedingungen dicht bleibt.“  Derzeit hat die Anlage sibirische Temperaturen von minus 50 Grad erreicht.

Die Erleichterung über die Fortschritte bei der Inbetriebnahme der Anlage ist Klinger anzusehen. Zwar bewegt sich „Wendelstein 7-X“ seit 2007 im vorgegebenen Kosten-Plan. Zuvor hatten aber Probleme an den Magnetspulen für herbe Rückschläge gesorgt. Hinzu kam eine nahezu Verdopplung der Gesamtkosten auf eine Milliarde Euro. Probleme würden bei innovativen Projekten erst sichtbar, wenn man in die Realisierung eintrete.

Nach dem Abkühlen werden die 70 Magnetspulen Zug um Zug in Betrieb genommen. 2015 wollen die Forscher mit den ersten Plasmaentladungen mit Wasserstoff und Helium beginnen, frühestens 2017 mit strahlenschutzrechtlich relevanten Plasmen wie Deuterium. Eine Fusion selbst ist in Greifswald nicht geplant. Es soll das Verhalten des Plasmas unter Hochtemperatur erforscht werden.

 

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