"Sexismus gehört seit Jahren zum Alltag"

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28. Januar 2013, 07:40 Uhr

Schwerin/Rostock | Wo ist die Grenze zwischen Flirt und billige Anmache? Die anzüglichen Äußerungen von FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle haben eine Sexismus-Debatte ausgelöst, die auch Mecklenburg-Vorpommern erreicht hat. "Ein sehr ernstes, aber kein neues Thema. Sexismus gehört leider seit Jahren zum Alltag der Gleichstellungsbeauftragten im Land", sagt Birgit Gabler, Leiterin der Leitstelle für Frauen und Gleichstellung im Schweriner Sozialministerium.

Sexismus habe verschiedene Facetten. Flapsige Bemerkungen können ebenso dazugehören wie anzügliche Blicke, unaufhörliche Anmache oder ständige Berührungen. Die Grenze sei immer dann überschritten, wenn es gegen den Willen der Betroffenen geht. Claudia Ring, Referatsleiterin in der Leitstelle nennt Beispiele: "Wenn in einem hierarchischen Gefüge die Chefin oder der Chef die Angewohnheit hat, Mitarbeiter bei jeder Gelegenheit zu berühren, kann das als Belästigung empfunden werden." In solchen Fällen rät Frau Ring, "ganz klare Grenzen zu setzten". Mitunter sei der anderen Seite ihrer Aufdringlichkeit nicht bewusst.

Wenn ein Gespräch mit der Chefin oder dem Chef zu keiner Einsicht und Lösung des Problems führt, sollten sich die Betroffenen an die Gleichstellungsbeauftragten wenden.

Dabei kann das Empfinden unterschiedlich sein. Wenn einige Frauen oder Männer sensibler auf Grenzverletzungen reagieren, sei dies zu berücksichtigen. "Es geht um Respekt", so Frau Ring.

Eine messbare Zunahme von Sexismus gibt es nach Ansicht der Leitstelle für Frauen und Gleichstellung im Land nicht. "Allerdings ist das Dunkelfeld schwer zu beurteilen", sagt Birgit Gabler.

Die angeblich anzüglichen Äußerungen von FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle gegenüber einer Journalistin des "Stern" hatte eine mediale Lawine losgetreten. Die Kommunikationsberaterin Anne Wizorek hatte auf Twitter unter #Aufschrei eine Diskussion um Sexismus in Deutschland angestoßen. In wenigen Tagen kamen mehr als 60 000 Tweets zu dem Thema zusammen. Seit gestern soll die Diskussion auf der Internetseite "alltagssexismus.de" eine neue Plattform erhalten.

Unsere Redaktion hat Beispiele aus der aktuellen Diskussion auf Twitter herausgesucht und Birgit Gabler und Claudia Ring gebeten, die Beiträge zu kommentieren.

Als ich auf einem Volleyball-Tunier kellnerte und man mich auf den Schoß zog mit "Noch 2 Bier, Mäuschen." Ich war übrigens 15.

Ring: "Das geht gar nicht. Hier reden wir nicht mehr über Grauzonen. Hier geht es möglicherweise um einen Straftatbestand."

Mir sagte einer: Wieso gehen Sie eigentlich zum Sport? Sie haben doch jetzt einen neuen Freund, haben Sie da nicht genug Bewegung?

Gabler: "Das gehört sich einfach nicht. Damit disqualifiziert sich der Absender selbst."

Die Dunkelziffer belästigter Männer liegt mit Sicherheit wesentlich höher als erwartet! Daher ist diese Debatte einseitig geführt!

Gabler: "Dunkelziffern gibt es sowohl beim männlichen als auch beim weiblichen Geschlecht. Da sollte man nicht Mann gegen Frau ausspielen."

Herbst 2010 Anti-Atom Protest in Gorleben. Freund meines Freundes: Da sind bestimmt lauter Frauen mit unrasierten Beinen.

Ring: "Sexistisch ist das nicht. Aber schlechter Stil."

Überall Mutter + Kind, als wenn die Väter im Alltag nicht anwesend wären. Wir sind ja nur die "Versorger".

Gabler: "Anderes Thema. Aber es stimmt, Männer sollten mehr in ihrer Verantwortung als Väter wahrgenommen werden."

Ladies, ihr zieht euch Leggings und Pushups an und haut ordentlich Schminke drauf und wundert euch dann, dass ihr angemacht werdet?

Ring: "Hier werden die Tatsachen verdreht und die Schuld an sexistischer Gewalt gegen Frauen den Opfern zugeschoben."

Bei der Arbeit, Online-Redaktion, Projektrunde, 6 Männer und ich. Kollege fordert mich auf, Kaffee zu holen und einzugießen.

Ring: "Das muss jede Frau für sich entscheiden. Die Entscheidung hängt von der Situation und den Personen ab."

Der Spaß hört bei mir schon auf, wenn der Chef private Themen anspricht.

Gabler: "Wenn das so ist, sollte es offen angesprochen werden. Das empfindet jeder anders."

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