Mittelalter-Prahm entdeckt : Sensationsfund im Schaalsee

Die Reste des am Schaalsees ausgegrabenen Schiffswracks lagern derzeit in der dänischen Universität von Esbjerg.
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Die Reste des am Schaalsees ausgegrabenen Schiffswracks lagern derzeit in der dänischen Universität von Esbjerg.

Wo die Natur das Sagen hat, dauert alles etwas länger: Ein Genehmigungsverfahren braucht 18 Jahre, nach fast 90 Jahren fließt das Wasser der Schaale wieder in die Nordsee und nach knapp 400 Jahren kommt ein Schiff aus dem Mittelalter ans Licht.

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13. Juni 2015, 16:00 Uhr

Am Anfang ging es um 2,20 Meter: Mit exakt diese Höhe, und damit nicht einmal so hoch wie ein Fußballtor, wurde seit 1926 das abfließende Wasser des Schaalsees umgeleitet. Ein eigens errichtetes Wehr und der ebenfalls nur für diesen Zweck gegrabene „Schaalseekanal“ verhinderten seitdem, dass der Schaalsee über Schaale, Sude und Elbe mit der Nordsee verbunden war. Stattdessen wurde das Wasser nach Nordwesten geleitet, um das Kraftwerk Farchau zu speisen. Somit gab es für die Schleswig-Holsteiner künftig Energie, aber Steinbeißer, Westgroppe, Hecht und vor allem Aal waren seit dem vom Meer abgeschnitten. Regelrecht zerschnitten wird der 24 Quadratkilometer große Schaalsee später durch die deutsche Teilung. Die isolierte Lage bietet zahlreichen anderen Tieren und Pflanzen ein ideales Rückzugsgebiet, das heute unter Unesco-Schutz steht. Erst nach 1989 wächst in dem Biosphärenreservat zusammen, was zusammengehört. Auch wenn sich die Länder Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern am Anfang schwertun. Naturschützer, Anlieger, Kraftwerksbetreiber und Umweltbehörden beider Länder streiten, planen und diskutieren fast 18 Jahre lang, bis die alte Flussverbindung wieder öffnen kann und der gut 38 Kilometer langen Weg in die Nordsee frei gemacht ist.

Im Frühjahr diesen Jahres wird dann am alte Wehr der 1890 gegründeten Mühle mit dem Bau der Fischtreppe begonnen. Und dann machen die Arbeiter den Sensationsfund: Nur wenige Zentimeter unter dem Schlamm des alten Flussbettes stoßen sie auf Holz. Was zunächst wie ein Haufen loser Bretter scheint, versetzt die herbeigerufenen Archäologen des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommerns in helle Aufregung. Die Bretter und Balken Formen sich zu einem Schiffsbug – im Moder des Schaalsees liegt das Wrack eines Lastenkahns. Der 4,80 Meter lange und bis zu 3,85 Meter breite Bug machte die Identifizierung des Fundes einfach – und einmalig. Spitz zulaufender Bug, Flachboden, die Planken durch quer laufende Wrangen zusammengehalten und mit Holznägeln verbunden, alles typische Merkmale eines mittelalterlichen Lastenschiffes.

Klaus Jarmatz, Leiter des Biosphärenreservat-Amtes ist begeistert: „Dendrochronologische Untersuchungen datieren den Bau des Schiffes in die Zeit um 1620.“ Der Prahm stammt damit aus der Frühneuzeit, dem späten Mittelalter. Aus einer Epoche als Johannes Gutenberg den Buchdruck erfand, Christoph Kolumbus Amerika entdeckte oder die von Martin Luther angestoßene Reformation mit dem Westfälischen Frieden ihren Abschluss fand.

Das Mittelalterschiff dürfte, das sind sich die Archäologen sicher, ehemals dem Warentransport vom Schaalsee zur Schaalmühle gedient haben. Dort befand sich ein wichtiger Warenumschlagsplatz, an dem die Güter, in erster Linie Holz, für den Weitertransport zur Elbe auf andere Schiffe umgeladen wurden. Die Schaale hatte große Bedeutung als Verkehrsweg vor allem Mitte des 13. bis Ende des 15. Jahrhunderts. Über den Fluss wurde von Lübeck aus in der gesamten Ost- und Nordsee Salz gehandelt. Der Bedarf an dem kostbaren Mittel zum Konservieren und Würzen war auch deshalb so enorm, weil Hering im Mittelalter im deutschen Binnenland als eine begehrte Fastenspeise galt. Dabei legten Boote wie der Schaalsee-Prahm flussaufwärts rund 15 Kilometer und flussabwärts bis zu 40 Kilometer am Tag zurück.

Neben den Mittelalterfunden entdecken die Archäologen beim Bau der Fischtreppe auch noch neun vorgeschichtliche Feuerstellen und mittelsteinzeitliche Flintgeräte sowie Reste einer Uferbefestigung. Das Schiff wurde von Mitarbeitern des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommerns geborgen und wird derzeit konserviert. Der Bau der Fischtreppe, die zu dem Sensationsfund führte, wurde jetzt abgeschlossen und jetzt offiziell eingeweiht. „Das alte Wehr an der Schaalmühle war das letzte Querbauwerk, das die ökologische Durchgängigkeit für wandernde Tierarten, insbesondere für Fische behinderte. Mit der Fertigstellung der Fischtreppe ist die ökologische Durchgängigkeit des Gewässersystems vom Schaalsee bis zur Nordsee wieder hergestellt“, freut der Schweriner Landwirtschaftsminister Till Backhaus über das Projekt sowie über „die gute länderübergreifende Zusammenarbeit der Umweltbehörden von Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein“ und die Unterstützung durch die Hansewerk AG. Der Bau kostete 191  000 Euro.

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