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Projekt „Wohnen für Hilfe“ : Senioren dringend gesucht!

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„Wohnen für Hilfe“ bringt Studenten und Rentner zusammen. Die einen bekommen ein Zimmer, die anderen Unterstützung im Haushalt.

svz.de von
erstellt am 03.Mär.2017 | 11:55 Uhr

Elke Böhm und Simone Twelkmeier trennen 37 Jahre. Die eine ist Rentnerin, die andere Studentin. Die eine spielt gerne Karten, die andere  fühlt sich am wohlsten auf dem Wasser.  Für die eine ist Rostock Heimat, für die andere nur  eine Zwischenstopp. Obwohl die beiden  in  unterschiedlichen Lebensphasen stecken, teilen  sie sich seit November letzten Jahres eine Wohnung. Gefunden haben sie sich über das Projekt „Wohnen für Hilfe“, das durch die Hansestadt Rostock ins Leben gerufen wurde. Hintergrund war  eine Stadtteilbefragung, in der Rentner angaben, dass sie so lange wie möglich in ihren eigenen vier Wänden leben wollen, dazu aber oftmals Hilfeleistungen in Anspruch nehmen müssen. „Wohnen für Hilfe“ will dies ermöglichen. Studenten erhalten  von den Senioren einen Wohnraumüberlassungsvertrag, können kostenfrei ein Zimmer beziehen sowie Bad und Küche mitbenutzen. Im Gegenzug bekommen  die Senioren Hilfe im Haushalt.  Geld fließt keins. 

Das Projekt: In Greifswald gescheitert
Statt die harte Eurowährung für Wohnraum zu verlangen, erhalten  die Senioren Hilfeleistungen im Alltag, die variabel von beiden Parteien vorher vereinbart und in einem Vertrag genau definiert werden. Pro Quadratmeter  bezogenen Wohnraum hat der Student  eine Stunde Hilfe im Monat zu leisten. Im Westdeutschen Raum besteht das Projekt  vielerorts bereits seit vielen Jahrzehnten, zum Beispiel in München oder Stuttgart. 2014 wollte auch die Unistadt Greifswald „Wohnen für Hilfe“ erstmals in Mecklenburg-Vorpommern umsetzen. Weil auch dort ein Seniorenmangel bestand, musste das Projekt eingestampft werden. Wer in Rostock Interesse hat, kann sich bei Sonja Beuch unter 0381/2016928 oder unter 0177/3124939  bzw. per Mail via wohnenfuerhilfe@rostock.de melden. Studenten können das Studentenwerk kontaktieren.

Das Projekt ist bereits 2015 gestartet, lief aber erst im vergangenen Jahr richtig an. Koordiniert werden die Bewerbungen von Sonja Beuch. Sie beurteilt, welcher Senior zu welchem Studenten passen könnte und bringt das Duo anschließend bei einem Kaffee das erste Mal zusammen. Sind die Sympathien groß, wird ein 14-tägiges Probewohnen vereinbart. Inzwischen sind so vier Senioren-Studenten-Wohngemeinschaften entstanden. „Die Studenten haben großes Interesse, die Senioren sind allerdings noch etwas zaghaft und misstrauisch“,  weiß Beuch. „Ich suche also dringend Rentner mit Drei-Zimmer-Wohnungen.“ Finden sich keine, läuft das Projekt Gefahr zu sterben.

Simone Twelkmeier ist in ein 14-Quadratmeter-Reich gezogen. Ihre Wohnung in Düsseldorf hat sie behalten. „Natürlich habe ich vorher nach Alternativen geschaut. Aber eine Wohnung im Zentrum Rostocks ist zu teuer und eine WG mit 18-Jährigen nicht mein Ding“, erklärt die 37-Jährige, die mit ihrem Nautikstudium einen Neuanfang wagt.  „Mein Traum war es schon immer zur  See zu fahren. Nun will ich ihn verwirklichen.“  Wenn sie zu Hause ist, lernt sie die meiste Zeit. „Ich hab ihr schon gesagt, dass sie mal rausgehen und neue Leute kennenlernen soll. Das muss ja kein neuer Mann sein“, sagt Elke Böhm.  „Simone hat schließlich einen Freund und übernachten soll hier auch niemand.“ Inzwischen pflegen die Seniorin und die Studentin ein Oma-Enkel-Verhältnis. „Wir ähneln uns sehr. Wichtig ist, dass man aufeinander Rücksicht nimmt und immer Klartext redet und dass jeder  seine Freizeit gestalten kann wie er möchte“, findet die 74-Jährige. Bevor Elke Böhm ihre Simone traf, hatte sie Gespräche mit vier  weiteren  Mädels. „Ich musste in der Vergangenheit häufiger den Notarzt rufen, es ist wichtig, dass dann jemand da ist.“ Simone putzt außerdem die Wohnung, übernimmt den Flurdienst und ist die perfekte Ansprechpartnerin bei Technikfragen. „Viele Senioren beneiden mich um meine Studentin. Sie wollen Hilfe, aber niemanden bei sich wohnen und vor allem nicht in  ihr Bad lassen.“

Drei Jahre will Simone in Rostock bleiben. Dann endet ihr Studium. „Wir werden Rotz und Wasser heulen beim Abschied“, befürchtet die 37-Jährige. „Vorher besorgen wir eine Familienpackung Taschentücher.“Josefine Rosse

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