Ein Jahr im Bundestag : Selbstbewusst, unterschätzt, Amthor

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CDU-politiker Philipp Amthor

CDU-politiker Philipp Amthor

„Muttis Liebling“ ist seit einem Jahr im Bundestag – seitdem hat sich sein Leben grundlegend geändert.

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08. Oktober 2018, 20:00 Uhr

Ein bisschen mehr als ein Jahr ist es her, da steckte Philipp Amthor mit seinem halben Arm in einem 120-Kilo-Heilbutt in Ahlbeck auf Usedom. Mit Fischfang zum Stimmenfang. Das war kurz vor der Bundestagswahl im September 2017. „Ich trete nicht zum Verlieren an“, sagte das CDU-Mitglied siegessicher. Damals filetierte er Fisch. Heute filetiert er im Bundestag die AfD. Macht Sushi aus den Abgeordneten und sucht die Gräte in den Anträgen seiner politischen Gegner. Ein kleiner Rückblick.

„Wenn man mich nicht ernst nimmt – das geht nach hinten los“, warnte Amthor schon vor der Wahl, mit Schürze statt Anzug und seinem Arm im Heilbutt. Damals kam er allein zum Pressetermin. Das Interesse an dem 24-Jährigen mit der Hornbrille und dem Seitenscheitel hielt sich in Grenzen. Das sollte sich mit seinem Wahlerfolg jedoch rapide ändern. Plötzlich stürzten sich die Medienvertreter auf „Muttis Liebling“ und Amthor wurde über Nacht zur Geheimwaffe der CDU im Kampf gegen Rechtsaußen. „CDU-Jungspund entriss AfD eine Hochburg“, adelte ihn der Fokus. „Wie ein 24-jähriger CDU-Politiker in Meck-Pomm die AfD besiegte“ schrieb die Huffington Post, da hatte Amthor seine Kisten im Büro vom Paul-Löbe-Haus in Berlin noch nicht einmal ausgepackt.

Überall Amthor

Heute könne er nicht mehr unbehelligt durch Berlin laufen. Selbst beim Einkaufen werde er angesprochen, erzählt Amthor. „Das ist aber nichts, worüber man sich als Politiker ärgert. Ich habe mich daran gewöhnt.“ Gewöhnt hat er sich auch an die Medienauftritte. Gefühlt ist Amthor jede Woche in einer Polit-Talkshow - fast täglich in der Zeitung. Auch in der Satiriker-Sendung Neo Magazin Royal von Jan Böhmermann bekam der heute 25-Jährige sein Fett weg. „Wie aus sieht der denn?“, mobbte der Ironiker etwas uninspiriert.

Man kommt um Amthor nicht mehr herum. Das müssen auch seine Kritiker einsehen. „Vom Kreißsaal in den Hörsaal“, höhnte einst AfD-Herausforderer Enrico Komming. Er sei zu jung, zu unreif. „Alter ist keine Leistung“, entgegnete Amthor immer wieder. Inzwischen gehört „Merkels Bubi“ im Bundestag dem Innenausschuss und dem Europaausschuss an. Vergangene Woche wurde er zum Schatzmeister der Jungen Union Deutschland gewählt.

"Hören Sie mir mal zu, da können Sie noch was lernen"

Amthor fällt auf. Gerade weil sein Alter und sein Auftreten nicht zueinander passen. Weil er immer ein bisschen zu altklug daher redet. Ein bisschen zu brav aussieht. Doch er beweist immer wieder: Wenn man ihn unterschätzt, „das geht nach hinten los“. Gleich bei seiner zweiten Rede im Bundestag zerpflückt er in nur sechs Minuten den Antrag zum Burka-Verbot der AfD. „Hören Sie mir mal zu, da können Sie nämlich noch was lernen über die Verfassung“, ermahnte Amthor, der in Greifswald Rechtswissenschaften studierte, die Abgeordneten. „Wenn wir von den Moslems verlangen, sich an Regeln zu halten, müssen wir es auch.“ Dabei ist der „Law-and-Order-Politiker“ selbst für das Burka-Verbot. Nur eben auf eine andere Art als die AfD. Gleichzeitig die AfD bloßstellen und Werbung für sein eigenes Burka-Verbot machen – das schafft nur Amthor.

Erst kürzlich bekamen es auch die Grünen im Bundestag mit Amthor zu tun. Zu dem Antrag, den Klimaschutz ins Grundgesetz aufzunehmen sagte Amthor: „Der steht da längst drin, und das seit vielen Jahren. Das steht sogar in Ihrem eigenen Gesetzentwurf!“ Amthor debattiert gerne. Er wolle nicht nur durch Präsenz, sondern auch durch inhaltliche Vorbereitung glänzen, sagt er: „Debatte heißt auch, unterschiedliche Positionen zu vertreten“, meint Amthor. Sie lebe von der Leidenschaft der Redner.

Spannender als erwartet

Er sei „der junge Konservative aus der Zukunft“, urteilt die Welt, die „durchschlagskräftige Waffe gegen die Herausforderungen von Rechtsaußen“, schreibt die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Amthor selbst zählt sich zum konservativen Flügel der CDU. Themen wie soziale Sicherungssysteme, die Behebung von Vollzugsdefiziten oder die Begrenzung der Zuwanderer nennt er immer wieder als seine Schwerpunkte. Nicht immer kommt das an. Auch nicht in den eigenen Reihen. Als er Hans-Georg Maaßen für dessen Äußerungen zu den Vorfällen in Chemnitz verteidigte, musste Amthor Kritik aus den eigenen Reihen einstecken. Und dennoch ist er überzeugt: „Die anderen Abgeordneten stehen hinter mir.“

Bei all der Bundespolitik sei ihm sein Wahlkreis in Vorpommern nach wie vor sehr wichtig. Mindestens eineinhalb Wochen versuche er im Monat dort zu sein und sich den Aufgaben vor Ort zu stellen. So habe er gemeinsam mit dem CDU-Bundestagsabgeordneten Eckhard Rehberg dafür gesorgt, dass das Technische Museum in Peenemünde einen Fördermittelbescheid in Höhe von fünf Millionen Euro erhielt. Außerdem habe er zum Beispiel veranlasst, dass in Zirchow auf Usedom eine seit Jahren geforderte Ortsumgehung durch eine Ausnahmeregelung des Bundesverkehrsministeriums genehmigt wurde, so Amthor.

Die Koalitionsverhandlungen, die Krise der CDU, Maaßen, Böhmermann, und AfD. „Ich hatte mir eine spannende Wahlperiode gewünscht. Dass sie so spannend wird, hätte ich nicht gedacht“, sagt Amthor und grinst verschmitzt: „Viele sprechen mich an und sagen: Okay, wir haben Sie unterschätzt.“

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