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Mecklenburg-Vorpommern

14. Dezember 2017 | 03:43 Uhr

Projekt : Selbst ist das Dorf

vom

Das Land will mit einem Förderprogramm dem Dorf-Leben auf die Sprünge helfen: Ausgewählt wurden jetzt vier Gemeinden, die mit je 100 000 Euro bedacht werden. Eine davon ist Sarow bei Demmin.

svz.de von
erstellt am 06.Jan.2012 | 08:33 Uhr

Sarow/Demmin | Kurz hinter Demmin mit den Supermärkten am Rande der Stadt gehts rechts rum in den Wald. Die bucklige Straße schlängelt sich über sieben grüne Hügel, links leuchtet ein Wasserflecken auf, Pferde grasen. Gleich kommt Pfeifchenschmauchend der Landrat mit dem Einspänner um die Ecke.

Am Ziel, in Sarow, wartet aber nicht der Landrat, sondern der Bürgermeister. Friedhelm Wyrwich steht vor dem - "Konsum". Drinnen, so macht er bekannt, bedienen "die guten Seelen" Elvira Ladwig und Anett Dörfel Bauarbeiter aus dem benachbarten Ortsteil Ganschendorf. "Gelegentlich", bescheiden die im knappen Vorpommersch, kommen sie hier vorbei. Und "gut" sei es, dass es noch so etwas gibt.

"Die, die hierbleiben auch gut versorgen"

Vor allem verantwortlich dafür ist Inhaber Günter Gehrke, der den Laden seit fast 14 Jahren betreibt. Dass nun die Landesregierung Sarow als eines von vier Modelldörfern im Land in diesem Jahr mit 100 000 Euro bedenken will, von denen auch ein Teil dem Konsum zugute kommen soll, hat er schon gehört. "Ich glaubs aber erst, wenn es da ist", sagt der Geschäftsmann. Natürlich soll mit den Fördermitteln aus dem Programm "Neue Dorfmitte M-V" nicht einfach nur ein Konsum auf dem Lande subventioniert werden, weiß auch Gehrke.

"Mit dem Projekt stärken wir Nahversorgungsstrukturen im ländlichen Raum und unterstützen damit eine angemessene Daseinsvorsorge im gesamten Land", erläutert - und hofft - Landesentwicklungsminister Volker Schlotmann (SPD). Sein Haus fördert gemeinsam mit dem Innenministerium jede der vier ausgewählten Modellgemeinden mit 100 000 Euro. Mit diesen Geldern sollen 2012 in Altenpleen im Landkreis Vorpommern-Rügen, Brunow (Ludwigslust-Parchim), Sarow und Schmatzin (Vorpommern Greifswald) vorhandene Nahversorgungseinrichtungen zukunftsfähig ausgebaut und in einem Modelldorf ein kleiner Laden neu geschaffen werden. Neben den notwendigen Aus- und Umbaumaßnahmen der Dorfläden geht es auch um den Einbau ergänzender Einrichtungen. Die reichen vom Einbau einer Café-Ecke als Treffpunkt für die Bürger, über die Einrichtung einer modernen Kühltheke, die es ermöglicht, zukünftig auch Frischeprodukte anzubieten, bis hin zum Einbau einer kleinen Küche, die ein neues Standbein im Imbissbereich schaffen soll. "Die bei dem Modellprojekt gewonnenen Erfahrungen sollen dann dazu genutzt werden, eine breit angelegte Landesstrategie zur Sicherung der Nahversorgung in der Fläche zu entwickeln", verspricht der Minister.

Eine Wurst- und Fleischfrischetheke gibt es schon im Sarower Konsum. "Das unterscheidet uns von anderen kleineren Dorfläden und wird auch gut angenommen", sagt Verkäuferin Elvira Ladwig. Jetzt soll noch ein Café hinzukommen, "als Treffpunkt" der 750-Seelengemeinde, kündigt Bürgermeister Wyrwich an. "Die Dörfer werden immer älter. Ich hoffe, dass trotzdem viel Leben hierbleibt und die, die hierbleiben, auch gut versorgt werden. Da hilft uns das Programm". Ein Cafe ist allerdings nicht die einzige Idee, die sie in Sarow haben. Unterstützt werden soll möglichst auch der Bürgerbus, den jetzt schon der rührige Dorfverein "Törpiner Forum" aus dem gleichnamigen Ortsteil betreibt. Der Bürgerbus soll auf Abruf bereitstehen, wenn - besonders ältere - Einwohner zum Bahnhof wollen, zum Arzt zur Behörde in die Stadt, oder eben aus den anderen Ortsteilen zum Treffpunkt Konsum. Denn auch in Sarow ist es wie andernorts: Die Busverbindungen sind, gelinde gesagt, unter aller Kanone.

"Müssen das Fahrrad nicht neu erfinden"

Allerdings, so listet der Bürgermeister stolz auf, unterscheidet sich die Gemeinde bei Demmin schon von so manch anderem Ort im Nordosten. Es gibt unter anderem: eine Grundschule, einen Kindergarten, einen Hort, Sportvereine samt einer großen wettkampftauglichen Sporthalle, die Freiwillige Feuerwehr mit funktionierenden Jugendabteilungen, jedes Jahr Ernte- und Seefeste und eben das "Törpiner Forum" mit Singekreis, Bibliothek, Computerarbeitsplätzen, Bastelkreis, Vorträgen und vielen anderem mehr. "Sich selber zu rühren, das ist die Grundvoraussetzung", meinen Bürgermeister Wyrwich und der emeritierte Hochschullehrer, Professor Helmut Pratzel, der 2003 mit einigen Gleichgesinnten das Forum ins Leben gerufen hat. "Wir müssen hier das Fahrrad nicht neu erfinden - aber dafür sorgen, dass es gut weiterfährt." Pratzel war es auch, der mit dazu beigetragen hat, dass die Gemeinde in das Förderprogramm aufgenommen wurde.

Geburtenrate verdreifacht

Mit Fördermitteln wird auch gerade die Sporthalle saniert, zu der der Bürgermeister führt. 190 000 Euro fließen dort, wo so gut wie an jedem Wochenende Turniere stattfinden. Auch behindertengerecht wird die Halle ausgebaut - schließlich gibt es Wettkämpfe, an denen die nahe gelegene Behindertenwerkstatt teilnimmt, so Wyrwich. Hergerichtet wird derzeit ebenso der kleine Park in der Dorfmitte - "damit die Leute was zum Spazieren haben". Schon saniert ist dagegen die Feuerwehr, dort sind 150 000 Euro investiert worden. Der Haushalt Sarows übrigens ist laut Bürgermeister ausgeglichen, sogar über eine Rücklage verfüge man noch. Also, alles besonders schick in Sarow? Nein, natürlich nicht, räumt der Bürgermeister ein: ungefähr bei zehn Prozent liege die Arbeitslosenquote, genau das trägt auch dazu bei, dass so mancher wegzieht. Verkäuferin Anett Dörfel im Konsum hingegen hat Glück gehabt. Nach dem Erziehungsurlaub hat sie vor neun Monaten den Job bekommen, für den - auch dank des Förderprogramms - nun gute Aussichten bestehen, dass er erhalten werden kann. "Ich bin wirklich froh, schon allein, weil mein Arbeitsplatz nicht weit von zu Hause ist", sagt die junge Frau an der Kasse. Dass "mehr Leute ortsansässig bleiben", wünscht sich auch der Bürgermeister. Sarow scheint dabei auf einem guten Weg zu sein: "2011 war für uns ein positives Jahr. Wir hatten neun Geburten. 2010 waren es noch drei."

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