Interview : Sektorenübergreifendes Denken fehlt

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Nachgefragt beim Präsidenten der Nationalen Branchenkonferenz Gesundheitswirtschaft, Prof. Marek Zygmunt

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24. Mai 2018, 05:00 Uhr

Seit mehr als einem Dutzend Jahren wird in Deutschland über die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte diskutiert. Doch bei den meisten gesetzlich Krankenversicherten sind noch immer nicht mehr als die Stammdaten darauf gespeichert. Was läuft falsch?
Prof. Zygmunt: In der Tat. Was 2004 als ein Leuchtturmprojekt von der Bundesregierung angekündigt wurde, ist nach 14 Jahren und fast 2 Milliarden Euro Investitionen ein besserer Versicherungsnachweis mit Foto geworden. Es gibt mehrere Probleme in der Umsetzung des Projektes. Sie sind meiner Meinung nach in der Vielzahl der unterschiedlichen Interessengruppen und fehlendem sektorenübergreifendem Denken zu suchen. Aber auch die Trägergesellschaft des Projektes und die beteiligte Industrie haben darin ihren Beitrag. Eigentlich war es vorgesehen, dass am 1. Juli 2018 alle Praxen in Deutschland über das elektronische Gesundheitsnetz, das Versichertenstammdatenmanagement, verbunden sind. Nun wird der Termin um weitere Monate verschoben. Ob die Anbindung der großen Krankenhäuser so wie vorgesehen klappt, bleibt abzuwarten.

Bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens gleicht Deutschland einem Flickenteppich. Kann die Branchenkonferenz daran etwas ändern?
Digitalisierung im deutschen Gesundheitssystem verfügt eigentlich über gute Voraussetzungen, dennoch befinden wir uns noch immer in den Startlöchern. Neben den bei der Gesundheitskarte beschriebenen Problemen spielen natürlich hohe technische Komplexität, Anforderungen an den Datenschutz und Akzeptanzprobleme durchaus eine Rolle. Die Nationale Branchenkonferenz steht für den sektorenübergreifenden Dialog und Austausch. Sie fordert von den Verantwortlichen im Bund eine pragmatische und einheitliche eHealth-Strategie, gegebenenfalls sogar den Neustart der Digitalisierung im Gesundheitssektor.

Ob die Digitalisierung voranschreitet, hängt immer auch von der entsprechenden Infrastruktur ab. Wie schätzen Sie die im Nordosten ein?
Trotz der beschriebenen Probleme, die die gesamte Republik betreffen und nur durch eine nationale Lösung behoben werden können, haben wir in unserem Bundesland einige gute Lösungen im kleineren Rahmen entwickelt. Dazu gehören viel beachtete telemedizinische Anwendungen, Zweitmeinungskonzepte und Videokonsile, aber auch unterstützende Systeme, die die Aktivität älterer Menschen in der eigenen Häuslichkeit überwachen und schnellen Zugang zu medizinischer Notfallversorgung ermöglichen, sogenannte Ambient Assisted Living (AAL), die unter Federführung der Arbeitsgruppen des Kuratoriums für Gesundheitswirtschaft entwickelt wurden.

Gastland der Branchenkonferenz ist in diesem Jahr die Schweiz. Was können wir von ihr lernen?
In diesem Zusammenhang möchte ich auf zwei Aspekte hinweisen: Zum einen ist die Schweiz ein wichtiger Partner der Gesundheitswirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern. Wir wollen die bereits bestehenden Kooperationen zwischen Schweizer Unternehmen, den Universitäten des Landes und verschiedenen Forschungseinrichtungen in Ansiedlungen umwandeln und freuen uns, dass über 20 Firmen aus der Schweiz und früheren Partnerländern der Konferenz unsere diesjährigen Gäste sind.
Ein zweiter wichtiger Punkt ist die beispielhafte und pragmatische Strategie im Bereich eHealth, die die Schweizer im nationalen Dialog entwickelt haben. Das ist sicherlich etwas, was wir uns in Deutschland abgucken könnten.

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