zur Navigation springen

Dr. Thilo von Trotha : Seine Reden schreiben deutsche Geschichte

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Mitglied in der Schreibstube von Helmut Schmidt, Akademiegründer und Gutshausbesitzer in der Prignitz / Dr. Thilo von Trothas Lebensweg treiben stets die Worte voran

Mit leichten Schritten kommt Thilo von Trotha hinter einer Ecke des Gutshauses hervor. In der einen Hand ein Gartengerät, in der anderen ein Paar Handschuhe. „Ich gebe ihnen sofort die Hand, aber erst einmal muss ich sie waschen“, sind seine Begrüßungsworte. Der Mann, der hier, auf dem großen Penzliner Anwesen, mitten in der brandenburgischen Prignitz, Hand anlegt, um den Garten zu formen, ist jemand, der der Deutschen Innenpolitik in den 1970er-Jahren ihre Worte verlieh und noch heute den Führungsetagen deutscher Großfirmen das Spiel mit der Sprache beibringt. Der studierte Jurist war über Jahre Mitglied der Redenschreibergruppe von Bundeskanzler Helmut Schmidt und hat in seiner „Akademie für RedenSchreiben“ bei über 1000 Teilnehmern die Fähigkeiten in der Kunst des Formulierens verbessert. Doch war es bis dahin ein wechselvoller Weg.

1940 in Gera geboren und in Weimar aufgewachsen, ging von Trotha bereits mit 15 Jahren ohne Eltern als politischer Flüchtling nach Westdeutschland. „Meine Mutter hat mich damals noch nach Westberlin gebracht“, erzählt er und fügt lächelnd an: „Wegen Leuten wie mir ist die Mauer gebaut worden.“ Was folgte, war das Abitur in Hannover und ein Jurastudium in Bonn, das er mit beiden Examen sowie Dissertation abschloss. Nach dem zweiten Staatsexamen bereits persönlicher Referent eines Staatssekretärs in einem Bonner Ministerium, war sein Wechsel ins Bundeskanzleramt eher dem Zufall geschuldet: „Ich habe für einen Freund eine Urlaubsvertretung in der Redenschreibstube von Helmut Schmidt übernommen und bin da dann sechs Jahre hängen geblieben.“

Doch war eine Person hier nie der einzige Autor. Bis zu fünf Leute formulierten im Team die staatstragenden Worte. Und zu diskutieren gab es genug – hält ein Kanzler doch bis zu acht Reden in der Woche. Seinen Neigungen entsprechend, war von Trotha meist für die innenpolitischen Reden zuständig. „Da immer die gleiche Politik vertreten wird, muss man für die selben Inhalte jedoch immer andere Worten finden. Was in der Kunst Plagiat heißt, heißt in der Politik Kontinuität“, so von Trotha augenzwinkernd.


Grass, eine Rabensage und die Kulturnation


Kreativität war und ist ein ständiger Begleiter des studierten Juristen. 1977 diskutiert er gemeinsam mit Kanzler Helmut Schmidt und Nobelpreisträger Günter Grass über den Inhalt des aktuellen Berichts zur Lage der Nation und speziell über das geteilte Deutschland. „Schmidt meinte, dass das Einzige, was die Deutschen noch verbindet, die Kultur und die Sprache sei, wohingegen Grass in etwa erwiderte ,ach, die (die DDR-Bürger d. Red.) haben keine Kultur‘. Da habe ich geantwortet: ,Herr Bundeskanzler, ich muss widersprechen‘ und mit der Merseburger Rabensage und den jährlich dafür aufgewendeten 100 Ostmark sowie den Worten ,das ist Kultur‘ gekontert. Daraufhin wurde der Begriff der Kulturnation in die Regierungserklärung aufgenommen“, erinnert sich von Trotha.


Der lange Weg zur eigenen Akademie


Besagte Sage geht auf Bischof und Namensvetter Thilo von Trotha zurück. Dieser hatte vor über 500 Jahren einen Diener wegen des Diebstahls eines Ringes hinrichten lassen, diesen später jedoch im Horst eines Raben wiedergefunden. Seitdem wird zur Warnung vor vorschnellen Urteilen im Schloss ein Rabe gehalten. Derlei Geschichten aus dem Berufsleben gibt es reichlich, denn es hielt den heute 73-Jährigen nur bis 1980 im Bundeskanzleramt.

„Schon davor hatte ich mir vorgenommen: Wenn ich dort ausscheide, dann mache ich mich mit dem Redenschreiben selbstständig und es ist direkt hervorragend gelaufen“, fasst er zusammen. Ein Jahrzehnt dauerte das Zwischenspiel, ehe ein neues Kapitel aufgeschlagen wurde.

„Dann kam jemand und bat mich, jungen Leuten etwas beizubringen. Ich hatte davon keine Ahnung – konnte Reden schreiben, aber nicht lehren“, erzählt der Autor des Werkes „Reden professionell vorbereiten“. Die Fortbildungsakademie der deutschen Wirtschaft in Köln war erstes Versuchsobjekt. Einmal angelaufen, entwickelte sich hieraus zur Wendezeit die „Akademie für RedenSchreiben“ (ARS).

Zwar nutzten auch hier häufig Politiker die Möglichkeit, Thilo von Trothas Wissen anzuzapfen, doch entdeckte vor allem die Wirtschaft die Vorzüge dieses Wissenszweiges. Egal ob Deutsche Bundesbank, die Europäische Zentralbank, Deutsche Bank oder der VW-Konzern – kaum ein Unternehmen, das noch nicht auf seine Dienste zurückgriff. Aber auch mittelständische Unternehmen schicken ihre Redenschreiber zu den Seminaren, an denen meist zwischen fünf und maximal zwölf Personen teilnehmen. Egal ob München, Dresden, Hamburg, Düsseldorf oder Weimar, die ARS war immer als „Wanderzirkus“ in den Hotels der Republik zu Gast. Im Jahr 2004 zog der vierfache Vater mit seiner Frau Sophie jedoch von Bonn nach Berlin und da sollte auch die Akademie eine feste Heimat finden. Dass diese 2008 gerade in dem 1583 durch die Familie von Rohr gebauten Gutshaus im Prignitzer Ort Penzlin gefunden wurde, war für Ort und Gutsherrn ein Glücksfall.

„Wir haben ein Haus gesucht, das dem Akademiebetrieb dienen sollte und gleichzeitig der besonderen Geschäftsstrategie, ,der Einheit von Wohnen und Lernen‘ entspricht“, so der Gründer. An drei Seminartagen lernen die Teilnehmer, was eine Rede im Inhalt gut macht und wie man sie gestaltet. Tag und Nacht wird in der Lern- und Wohngemeinschaft an Reden gefeilt, Hintergrundwissen recherchiert und an sprachlichen Feinheiten getüftelt. „Gemeinsam mit Minita von Gagern versuche ich zu vermitteln, wie eine Rede persönlich, interessant und mit einer bildhaften Sprache gestaltet werden kann“, so von Trotha, der anführt, dass der Dichter geboren, der Redner jedoch gemacht wird – man diese Begabung also erlernen kann.

Die Teilnehmer sollen sich dabei immer die Frage stellen, was passieren muss, dass der Zuhörer im Nachhinein sagt: „Das war eine schöne Rede“. „Dabei sollen sie sich immer bewusst sein, dass eine Rede nicht nur eine Informationsvermittlung darstellt, das ist der Vortrag. Eine Rede ist immer auch Führung und Motivation“, schildert der Experte. Und nicht nur das. Jede Rede ist unweigerlich eine Werbemaßnahme für den Sprecher und für die Sache, der er seine Stimme gibt. Jede Rede läuft deshalb anders und jeder Redner hat andere Erfahrungen und Bedürfnisse. Auch aus diesem Grund gibt es sowohl Grund- als auch Aufbauseminare, bei denen Input und Übung ein ständiges Wechselspiel bilden.

Rund 15 Seminare werden im Jahr veranstaltet. Etwa fünf davon in der Prignitz, der Rest meist in Bonn oder Potsdam. Es gibt aber auch Einzelpersonen, die nicht in ein Seminar wollen oder Unternehmen, die den ganzen Verbund mieten. „Dann gehen wir mit unserem ganzen Laden auch mal in ein Ministerium hinein“, so von Trotha, der auch die Sächsische und Nordrhein-Westfälische Landesregierung sowie die Redenschreiber von Bundeskanzlerin Angela Merkel zu seinen Kunden zählt.


Weitere Investitionen in der Region geplant


Doch zieht es die meisten zu den Seminaren in die Prignitz. „Es gibt Leute, die wollen partout nicht nach Weimar oder Bonn, sondern in die Prignitz, hier in unsere wiedererweckte Insel“, erzählt der Gutsbesitzer, der bei der Beschreibung der Areals und der Region ins Schwärmen gerät. „Wir kannten die Prignitz vorher überhaupt nicht, sind jetzt aber glücklich und froh über die liebe Nachbarschaft und die Aufgeschlossenheit.“

Und nicht nur genossen, auch geformt hat der Jurist auf seinem Anwesen einiges, das sogar komplett gemietet werden kann. Entstanden ist eine Art offenes Haus, in dem es viel zu sehen gibt. Sechs Schlafzimmer mit jeweils eigenem Bad, Kaminzimmer, Seminarraum und nicht zuletzt die 270 Quadratmeter große Feier-Scheune, die auch als Hochzeitsscheune genutzt werden soll. „Jedem, der auf den Hof guckt, sage ich, ,kommen sie rein‘, schauen sie sich um. Wir fühlen uns hier gut aufgenommen und wollen die Menschen ebenso gut aufnehmen“, verdeutlicht von Trotha, der die Penzliner Dorfbewohner während der Europameisterschaft zum gemeinsamen Fußballgucken einlud.

Diese können von den Bemühungen des Wahlberliners nur profitieren, denn der hat noch einiges vor mit seiner „wiedererweckten kleinen Insel voller Charme“. „Ich stelle mir einen Wanderweg von hier nach Meyenburg vor, vorbei an der unendlich schönen Natur mit all den Wäldern und dem Buschwerk. Das möchte ich erleben und auch gern selbst mitfinanzieren.“ Erste Gespräche mit Behörden laufen bereits. Damit Worte auch in Zukunft nicht nur das Leben von Thilo von Trotha prägen, sondern auch die Prignitz.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen