Brandgefahr : Seine Entscheidung kann Leben retten

Bei ihm laufen die Daten zusammen: Dirk Erdmann (52) nimmt jedes Foto genau unter die Lupe. Rauchschwaden und Sandverwehungen kann er sehr voneinander  unterscheiden.   Fotos: Jenny Strozyk
1 von 3
Bei ihm laufen die Daten zusammen: Dirk Erdmann (52) nimmt jedes Foto genau unter die Lupe. Rauchschwaden und Sandverwehungen kann er sehr voneinander unterscheiden. Fotos: Jenny Strozyk

Dirk Erdmann überwacht gefährdete Waldgebiete mit modernster Kameratechnik / Hochmoderne Zentrale im Forstamt Mirow zeichnet Brände auf

svz.de von
24. Juli 2014, 11:45 Uhr

Heiß, heißer, Sonnenglut: Was Ferienkinder und Strandurlauber freut, zeichnet Land- und Forstwirten Sorgenfalten auf die Stirn. Denn die Brandgefahr steigt stündlich.

In der hochmodernen Waldbrandzentrale des Forstamtes Mirow blickt Dirk Erdmann (52) konzentriert auf die Monitore. Kleine Ablenkungen oder Unachtsamkeiten darf sich der Manager und Operator dabei nicht erlauben. Jede Gefahrenquelle muss er über die zugelieferten Fotos aus den umliegenden Waldgebieten erkennen, jede noch so kleine Rauchschwade rechtzeitig registrieren, damit sich Brände gar nicht erst ausbreiten.

Die Fotos bekommt der Forstwirt von 21 Kameras zugeliefert. In 30 Metern Höhe sind sie befestigt und fotografieren alle paar Minuten im 360 Grad-Radius die Landschaft. Sie scannen die Hälfte der gesamten Waldfläche in Mecklenburg-Vorpommern ab. Mit ihrer Hilfe sollen Waldbrände künftig schneller ausfindig gemacht werden.

In der nagelneuen Waldbrandzentrale laufen alle Daten zusammen. Dort werden die Fotos tagaktuell ausgewertet. Im Ernstfall kann Dirk Erdmann dann schnell reagieren und sofort Löschtrupps in die gefährdete Region schicken.

Ausgestattet ist die Waldbrandzentrale mit hochmodernen Computern und einer in vier Bildschirme aufgeteilten Leinwand. Rund 288 000 Euro hat die Zentrale gekostet. Mit 242 000 Euro wurde das Projekt vom europäischen Landwirtschaftsfonds unterstützt.

„Ab der Waldbrandgefahrenstufe zwei ist die Zentrale besetzt“, sagt Angela Wilke (55), die Leiterin des Forstamtes Mirow. Insgesamt gibt es fünf Gefahrenstufen, wobei Stufe fünf die höchste Waldbrandgefahr bedeutet. „Unsere Forstwirte tragen viel Verantwortung“, verdeutlicht die Chefin.

In den Gebieten Mirow, Jasnitz, Torgelow und Sandhof ist die Waldbrandgefahr am höchsten. „Dort befinden sich die meisten Nadelholzwälder, die besonders gefährdet sind“, sagt Amtsleiterin Wilke. In dieser Region sind die 21 Kameras postiert. Sie wurden an ehemaligen Feuerwachtürmen und an Mobilfunkmasten befestigt. Von dort oben aus können sie ein Feuer aus bis zu zehn Kilometern Entfernung ausfindig machen. Insgesamt überblicken sie ein Gebiet von 270 000 Hektar. Das sind 51,3 Prozent der Waldfläche in MV.

„Die Kameras machen alle zehn Minuten ein Schwarz-Weiß-Bild“, sagt die Forstamtsleiterin. Über die Grautöne können Luft- und Rauchverwirbelungen wahrgenommen werden. Sogar die Wolkenbewegung zeichnen sie auf.

Nehmen die Kameras einen möglichen Brand auf, schlagen sie in der Mirower Zentrale automatisch über Funk Alarm. „Etwa alle 28 Sekunden geht bei uns ein Alarm ein“, sagt Wilke. Dann sind die Forstwirte an der Reihe. Ihre Arbeit besteht darin, die Bilder zu analysieren und zu beurteilen, ob es tatsächlich brennt.

Im Notfall benachrichtigen sie die Feuerwehr. Oftmals ist es – glücklicherweise – aber falscher Alarm. „Manchmal handelt es sich um Sandverwehungen auf einem Feld, auf dem gerade ein Traktor im Einsatz ist“, erklärt die Leiterin.

Aber auch schon verheerende Brände haben die Kameras in diesem Jahr bemerkt. So konnte am Pfingstwochenende mit Hilfe der Kameras ein Traktorbrand bei Jasnitz schnell erkannt und das Fahrzeug gelöscht werden. „Auch die riesige Rauchwolke eines Bootsbrandes auf dem Flesensee bei Untergöhren haben sie aufgezeichnet“, sagt Dirk Erdmann.

Die Koordination der Brandmeldungen liegt in seinen Händen. Zusammen mit einem Forstwirt-Kollegen wertet er die Bilder jedes vermeintlichen Brandes aus. „Durch dieses Vier-Augen-Prinzip haben wir mehr Gewissheit“, sagt Leiterin Wilke.

Sind sich die beiden Profis trotzdem nicht sicher, schöpfen sie ihre Möglichkeiten voll aus und schicken den ersten Diensthabenden vor Ort zu der auffälligen Stelle.

Anhand der Bilder von mindestens zwei Kameras, die dieselbe Rauchwolke aufgenommen haben, können die Forstmitarbeiter die Koordinaten der betroffenen Stelle ermitteln. „Das funktioniert über eine Kreuzpeilung“, sagt Erdmann. Durch die moderne technische Ausstattung können die Schnittkoordinaten sehr schnell und sehr genau digital berechnet werden. „Das ist ein riesiger Vorteil im Vergleich zu vorher“, sagt Wilke.

Noch vor gar nicht langer Zeit saßen die Forstwirte selbst auf den Wachtürmen und peilten mit einem manuellen Messgerät die Brandstelle an. Die Daten wurden anschließend auf einer Landkarte mit der Hand vermerkt, damit die genaue Stelle ermittelt werden konnte. Das kostete viel Zeit. Zumal jedes Forstamt seine eigene kleine Überwachungszentrale hatte. „Heute laufen die Daten aus Jasnitz, Torgelow, Sandhof und Mirow in der Waldbrandzentrale zusammen“, sagt die Forstamtsleiterin.

Zu Beginn eines Arbeitstages in der Zentrale sammeln die Forstwirte die aktuellen Wetterdaten aus verschiedenen Quellen. Anhand dieser Werte könne bereits Aufschluss darüber gegeben werden, wie hoch die Waldbrandgefahr einzustufen sei, so Wilke. Je nach Gefährdung werde die Zentrale unterschiedlich personell besetzt. Bis zu vier Forstwirte und ein Manager haben in dem Büro Platz.

In einem theoretisch-praktischen Lehrgang haben sich die Waldarbeiter mit der Computer-Software und den Arbeitsschritten vertraut gemacht. „Das war schon eine ganz schöne Umstellung“, sagt Erdmann, der zuvor fast nur in der Natur unterwegs war. Ganz leicht fiel es ihm nicht, sich mit der Technik anzufreunden. „Aber mittlerweile habe ich mich gut eingearbeitet“, sagt der 52-Jährige. Amtsleiterin Wilke weiß die Einsatzbereitschaft ihres Teams zu schätzen: „Viele von ihnen sind über 50 und haben vorher überhaupt nicht mit dem PC gearbeitet. Es ist schön zu sehen, dass sie ihre Hemmungen abgelegt haben.“

Auch für die Leiterin bedeutet die Zentrale eine Herausforderung. „Es ist eine zusätzliche Aufgabe. Wir müssen die Arbeit nun so verteilen, dass trotzdem nichts liegen bleibt“, erklärt sie. Zehn Forstwirte sind in die Schichten der Zentrale eingetaktet. Ihnen wird viel mehr Arbeit abverlangt als vorher. Sie haben auch viel mehr Verantwortung, denn eine falsche Entscheidung, kann schwere Folgen haben. „Alle Bilder sind nachvollziehbar“, gibt die Leiterin zu bedenken. Die Forstwirte sind sich ihrer Verantwortung bewusst. Deswegen schauen sie lieber einmal mehr hin.

Stolz ist Angela Wilke auch auf die Zusammenarbeit mit den benachbarten Bundesländern. Sie sind mit ähnlicher Technik ausgestattet und überwachen die Grenzbereiche – genauso gut wie das Forstamt Mirow. „Wir geben also auch Warnungen an die Nachbarn heraus, wenn wir in ihren Gebieten etwas verdächtiges bemerken“, sagt sie.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen