Syrer in Schwerin : Sein neuer Freund heißt Udo Lindenberg

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Abdulahmid floh vor zwei Jahren aus Syrien und landete in Schwerin. Jetzt drehte er ein Video zu einem Lindenberg-Song – und lernte den Poprocker persönlich kennen

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23. Dezember 2017, 05:00 Uhr

„Sie schleppen dich durch die endlose Wüste, dann landest du auf ’nem brüchigen Boot. Du hast diesen Wahnsinn nur knapp überlebt, es war eine Reise auf Leben und Tod.“ So beginnt Udo Lindenbergs Song „Wir werden jetzt Freunde“. Und so beginnt auch Abdulahmids Geschichte. Die Geschichte eines syrischen Flüchtlings, der auf Umwegen in Schwerin gelandet ist. Eine Geschichte von Angst, Hoffnung und Freundschaft – die jetzt verfilmt wurde, zur Musik des Kultrockers Lindenberg. Entstanden ist ein achtminütiges Video, das auf der Internetplattform Youtube zu sehen ist und schon mehr als 10 000-mal geklickt wurde.

Die Wahl zwischen Kampf und Flucht

Angefangen hat alles in Deir ez-Zor, der Heimatstadt von Abdulahmid. In den Straßen vor dem Haus seiner Familie warben sowohl die syrische Armee als auch der Islamische Staat um die Gunst junger Nachwuchskämpfer. „Du hast die Wahl: Entweder du kämpfst oder du flüchtest. Ich wollte weder für die Armee noch für ISIS kämpfen. Ich wollte leben. Deswegen habe ich mich für die dritte Möglichkeit entschieden, das Wasser – und die Flucht“, erzählt der mittlerweile 18-Jährige. Schweren Herzens verabschiedete er sich dann von seinen Eltern und seinen fünf kleineren Geschwistern und trat die Flucht an – mit unbekanntem Ziel. „Einige Monate vorher war mein großer Bruder über die Türkei geflohen. Ihm bin ich gefolgt, mit dem Schlauchboot über das Mittelmeer. Über Griechenland und den Balkan bin ich in Wiesbaden gelandet“, sagt der 18-Jährige. Von der dortigen Erstaufnahmeeinrichtung ging es für Abdulahmid nach Schwerin. „Meine Tante und mein Onkel waren schon länger in Deutschland und waren in Schwerin gelandet. Daher haben die Behörden mich hierhin geschickt, dass ich wenigstens etwas Familie habe.“

Neustart als kleines Baby

In der Landeshauptstadt spürte Abdulahmid das erste Mal ein Gefühl des Ankommens. „Die ganze Flucht und auch die Zeit in Wiesbaden waren wie ein Film, es fühlte sich nicht echt an“, erzählt der Syrer. „Als ich dann endlich wusste, dass ich nicht mehr umziehen muss, hatte ich ein ganz neues Gefühl. Ich war wie ein kleines Baby, das alles erst lernen muss.“ Ein neues Land, eine neue Kultur und eine neue Sprache. Um das Prinzip zu erklären, wählt er einen einfachen Vergleich: „Es war wie mit der Tür, dem Schloss und dem Schlüssel. Deutschland ist die Tür, die Leute sind das Schloss. Und der Schlüssel ist die Sprache, deswegen musste ich sie so schnell wie möglich lernen.“ Um den Schlüssel zu erhalten, ging es für Abdulahmid in die Berufliche Schule Technik in der Johannes-Brahms-Straße. „Das war überhaupt nicht schön dort. Meine Mitschüler haben geraucht, getrunken und Drogen genommen“, erzählt der 18-Jährige.

Doch dann trat mit Heiko Höcker nicht nur ein Mentor, sondern auch ein Freund in Abdulahmids Leben. Höcker ist pädagogischer Leiter des Schweriner Sternentaler-Vereins und übernahm die ambulante Betreuung für den jungen Neu-Schweriner. „Ich habe sofort gemerkt, dass in Abdulahmid viel schlummert“, erzählt Höcker. Der Fachmann reagierte auf den Wunsch seines Schützlings und organisierte einen Wechsel an die Niels-Stensen-Schule. „Von dort an lief es schlagartig besser“, sagt Höcker. „Die Schule hat Abdulahmid in die neunte Klasse geschickt und von der Notenpflicht befreit.“ So hat er dann auch endlich Freunde und Gesprächspartner gefunden, erklärt Abdulahmid: „Mein bester Freund ist ein Deutscher, er heißt Levin. Und er verbessert mich jedes Mal, wenn ich etwas falsch ausspreche.“

Ein Freund aus alten Punker-Tagen

Die Idee mit der Verfilmung von Abdulahmids Geschichte kam von seinem Mentor. „Im Mai stand Udo Lindenbergs Konzert in der Kongresshalle an“, sagt Höcker, der den Poprocker noch aus alten Punkertagen kennt – und sogar ein Buch über ihn geschrieben hat. „Irgendwann dachte ich mir, dass die Zeilen von ,Wir werden jetzt Freunde‘ wie eine Schablone auf Abdulahmids Geschichte passen“, sagt er. Nachdem er dem jungen Syrer von seiner Idee eines Videos erzählt hatte, war dieser sofort Feuer und Flamme. „Als erstes riefen wir dann Udos Management an und fragten, ob das in Ordnung geht. Nachdem wir das Okay hatten, holten wir uns bei TV Schwerin Hilfe für die Umsetzung“, erklärt der Schweriner. Mit Sebastian Giebel fanden die beiden nicht nur einen erfahrenen Kameramann, sondern auch einen engagierten Drehbuchschreiber. Nach einigen gemeinsamen Gesprächen in den Räumen des Sternentaler-Vereins stand das Grundgerüst.

„Kurz vor Udos Stelldichein in der Kongresshalle bekamen wir die Nachricht, dass wir hinter und sogar auf die Bühne dürfen“, erzählt Abdulahmid. „Ich war zuerst total aufgeregt, aber dann war das richtig cool.“ Nach dem Konzert plauderten der 18-Jährige und seine Freunde dann noch mit Lindenberg, der sie für ihr Engagement lobte. „Udo ist unheimlich nett. Aber es war schwer für mich ihn zu verstehen, er verschluckt viele Buchstaben“, so der 18-Jährige.

Ein Klavier an der Ostsee

In den kommenden Wochen und Monaten veranschlagte Kameramann Giebel dann sechs Drehtage an verschiedenen Orten. „Wir waren an der Ostsee und machten Aufnahmen mit einem Klavier am Strand. Wir mussten das Teil 500 Meter hin- und natürlich wieder zurückschleppen, das war eine Arbeit“, erzählt Giebel. Auch ein Ausflug nach Hamburg stand auf dem Programm. Der Grund: Aufnahmen mit den Kickern von St. Pauli. „Ein Bekannter von mir trainiert eine Jugend des FC St. Pauli, dem habe ich von unserem Projekt erzählt. Der hat dann gleich einen Kontakt zu den Alten Herren hergestellt. Und für eine Kiste Bier als Gage waren die sofort dabei“, sagt Höcker.

In Schwerin filmte Giebel dann Abdulahmid und seine Schulkameraden. Anfang August waren die Aufnahmen im Kasten. In Rücksprache mit Lindenbergs Plattenfirma machte sich Giebel an den Schnitt. Nachdem alle Rechte geklärt wurden, ging das Video vor einer Woche online – und wurde auch von Udo Lindenberg höchstpersönlich auf dessen Facebookseite geteilt. „Hi Leute, wenn die Politpopper in Berlin es nicht auf die Reihe kriegen, müssen wir selber gucken, wie wir hier cool und bunt und easy zusammen leben können. Mille Grazie, Ihr Sternentaler in Schwerin. Ihr macht echt ’nen Hammerjob, ich zieh meinen Hut. Euer Udo“, schreibt die Pop-Ikone dazu.

Für Abdulahmid ist der Video-Clip zu „Wir werden jetzt Freunde“ erst der Anfang. Nach dem erfolgreichen Schulabschluss soll eine Schauspielkarriere folgen. Den Grundstein dafür hat er gelegt, im nächsten Jahr folgt der nächste Schritt: Er nimmt Schauspielunterricht am Mecklenburgischen Staatstheater in Schwerin. „Ich freue mich schon auf die vielen Eindrücke und hoffe auf viele neuen Freunde“, sagt er. Die wird er dort finden, ist sich Mentor Höcker sicher. Und auch Udo Lindenberg glaubt an eine gute Zukunft, nicht nur für Abdulahmid. „Wir werden Freunde, klar, dass es geht, aus verschiedenen Welten, doch derselbe Planet. Komm, wir werden jetzt Freunde, ist derselbe Planet!“, singt er.

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