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Mecklenburg-Vorpommern

19. November 2017 | 15:30 Uhr

Nothafen Prerow : Segler atmen auf

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Zwölf Millionen Euro plant die Landesregierung für den Neubau in Prerow ein – Umweltminister Backhaus verspricht: Das letzte Wort haben die Bürger

Es war ein rauer Sommerabend im Jahr 2007, als Uwe Bethig mitten auf der Ostsee in Not geriet. Kurz nachdem er gegen sechs Uhr in Warnemünde auslief, drehte der Wind von Nordost auf Ost und nahm zu. Eine verhängnisvolle Situation: 14 Stunden kämpfte Bethig gegen Wind und Wellen an, dann ließen die Kräfte nach. „Mir war klar, dass ich die Nacht unter diesen Bedingungen nicht durchfahren kann. Ich entschied den Nothafen Darßer Ort anzulaufen“, erzählt er.

Bei dem Versuch vor Ort Schutz zu finden, habe sein Boot zweimal aufgesetzt – und das obwohl die „Aegir“ lediglich einen Tiefgang von 1,10 Meter hätte. „Das Fahrwasser ist in dem Nothafen sehr schlecht. Das Ein- und Auslaufen ist nicht ganz einfach“, sagt Bethig, der sich selbst als erfahrenen Segler bezeichnet. „Mit meinem neuen Sportboot, das einen Tiefgang von 1,50 Meter hat, kann ich im Darßer Ort nicht mehr anlegen.“ Eine problematische Situation. „Zwischen Warnemünde und Barhöft liegen 80 Kilometer. Es gibt viele Boote, die nur sechs bis acht Knoten zurücklegen. Bei wechselnder Windlage ist es für die unmöglich die Strecke in einem Tagestörn zu schaffen“, erläutert Bethig.

Seit 20 Jahren warten Segler an der Ostseeküste auf einen Hafen zwischen Warnemünde und Barhöft. Wo dieser gebaut werden soll, wurde in der Vergangenheit heftig diskutiert – ohne Ergebnis. Nun hat die Landesregierung die Debatte satt. In Sachen Neubau wartet jetzt eine frohe Botschaft.

Am Montag hat Umweltminister Till Backhaus (SPD) erstmals auf einer Einwohnerversammlung in Prerow eine Planung vorgestellt, die nicht nur eine komplette Finanzierung des Projektes vorsieht, sondern auch alle laufenden Kosten deckelt. Ursprüngliche Ansätze, bei denen die Gemeinde für die Unterhaltung des Hafens aufkommen müsste, wurden zuvor abgelehnt. Laut Backhaus sei es inakzeptabel, dass auch nach mehr als zwei Jahrzehnten Diskussionen noch keine vernünftige Lösung für das Dauerproblem Nothafen im Darßer Ort gefunden worden sei.

Das Land plant die Seebrücke in Prerow um 135 Meter auf 530 Meter zu verlängern. An ihrem Ende soll ein mit Steinwällen geschützter Inselhafen mit bis zu 13 Liegeplätzen entstehen. Auch der Seenotrettungskreuzer der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger bekommt einen Liegeplatz.

Zwölf Millionen plant die Landesregierung für den Neubau ein. Der Minister rechnet damit, dass der Bau bis zum Jahr 2019/2020 abgeschlossen sein könnte. „Prerow ist aus fachlicher und finanzieller Sicht der vorteilhafteste Standort für die Planung“, sagt er. Eine Studie sei zu dem Ergebnis gekommen.

Nicht nur für Segler wie Uwe Bethig wird der Neubau eines Hafens in Prerow sehnsüchtig erwartet. Auch die Seenotretter sehen die Brisanz. Aktuell ist die Zufahrt zum Nothafen wieder versandet, sodass der Rettungskreuzer „Theo Fischer“ in Barhöft bei Stralsund liegen muss. Ein fataler Zustand – vor allem, weil die Retter regelmäßig zu Einsätzen in der Kadetrinne gerufen werden. „Dort besteht immer eine Unfallgefahr. Wenn wir von Stralsund zu einem Einsatz gerufen werden, beträgt die Anfahrtszeit zwei Stunden“, erklärt Christian Stipeldey, Sprecher des Vereins. Aufgrund seiner Nähe zur Kardetrinne sei der Hafen in Prerow ideal. „Wichtig ist, dass es dort unter allen Wetterbedingungen für den Seenotkreuzer einen Liegeplatz gibt“, so Stipeldey.

Der Nothafen Darßer Ort ist 1990 in die Kernzone des Nationalparks Vorpommersche Boddenlandschaft gerückt. Auf die Schaffung einer Hafeninfrastruktur wurde damals verzichtet. „Man ging davon aus, dass der Hafen maximal 30 Jahre betrieben werden kann. Der Nothafen war von Anfang an eine Übergangslösung“, erklärt Jochen Lamp von der Naturschutzorganisation WWF, die seit 1993 als Betreiber des Nothafens eingetragen ist.

Eine Übergangslösung, die kostet: Allein die Ausbaggerung der Zufahrt zum Nothafen hätte in den vergangenen 20 Jahren 2,5 Millionen Euro geschluckt. Hinzu kämen Mittel für den Betrieb von 120 000 Euro jährlich. Studien für eine Alternative hätten weitere 1,5 Millionen Euro verursacht. Die Küstendynamik am Darßer Ort sei so stark, dass die Fahrrinne zum Nothafen immer wieder stark versandet. Eine geologisch einmalige Situation. „Die Spitze des Darßer Ortes wächst jährlich um zehn Meter in das Meer. Dort entsteht also neues Land“, sagt Lamp. Durch die Ausbaggerung sei die Sandlandentwicklung in der Vergangenheit immer wieder künstlich unterbrochen worden. Das müsse aufhören, fordert der WWF. „Wir hoffen, dass die Gemeinde in Prerow den Vorschlag der Regierung annimmt und wir uns nicht wieder in einer ewigen Schleife an Diskussionen verlieren“, so Lamp.

Die Prerower Gemeinde habe in der Angelegenheit das letzte Wort, verspricht Till Backhaus den Bewohnern. Und auch der Bürgermeister, René Roloff, sicherte zu: „Ob gebaut wird oder nicht, wird nicht von irgendjemandem entschieden, das entscheiden die Prerower gemeinsam.“ In den kommenden Wochen könne sich jeder Einwohner informieren, eine weitere Versammlung soll einberufen werden.

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