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Mecklenburg-Vorpommern : Seemannslieder auf dem Alphorn

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Gegenstück zum Schweizer Nationalsymbol: Ein Mecklenburger Orchester spielt plattdeutsche Weisen auf einem eigenen Instrument

Die frische Frühlingsbrise trägt eine schwermütige Melodie durchs Dorf. Doch so richtig wollen die sonoren Töne nicht in die weite norddeutsche Landschaft passen, eher auf eine Gebirgsalm.

In sein Alphorn bläst Baldur Beyer (78) am liebsten am idyllischen Kemladesee in Witzin, einem kleinen Ort im Hinterland der Ostsee.

Hier hat das meterlange Holzinstrument, eigentlich ein Nationalsymbol der Schweizer, sein nordisches Pendant gefunden.

Der pensionierte Sportlehrer und passionierte Trompeter Beyer tüftelte jahrelang in seiner winzigen Werkstatt und ließ das Mecklenburger Alphorn 2011 patentrechtlich schützen. Eines der nördlichsten Orchester von Hirtenhorn-Bläsern probt jede Woche, mal in der Witziner Dorfkirche, mal im Feuerwehrhaus oder in der Sporthalle. Im Repertoire hat das Ensemble traditionelle Volksmusik und mehrstimmige Stücke, aber auch Seemannslieder und plattdeutsche Weisen.

Die richtigen Alphorn-Töne bringt der 80-jährige Horst Huth der Altherren-Combo bei. Der ehemalige Musiklehrer komponiert für die Bläser von der Küste immer wieder neue Stücke, wie er erzählt. „Damit sollen typisch mecklenburgische Lieder auf dem nordischen Alphorn ertönen und Verbreitung finden.“ Der ehrenamtliche Dirigent des Wit-ziner Orchesters, Ricardo Danelzig, schwört auf den vollen dunklen Klang des Mecklenburger Alphorns. „Das liegt an den dicken Holzwänden und der besonderen Krümmung des robusten Horns“, meint er. Das Geheimnis des exakt 3,68 Meter langen, auf den Grundton „F“ gestimmten Blasinstruments liegt in der Bauweise, verrät Erfinder Baldur Beyer. Während das typische Schweizer Alphorn aus einem ganzen Stamm geschnitten werde, kämen für die nordische Variante einzelne, durch Kochen krumm gezogene Leisten zur Anwendung. „Dabei tragen die eng beieinander liegenden Jahresringe den Ton optimal nach außen.“ Die gebogenen Fichtenhölzer würden nach uralter Bootsbauermanier verleimt und das Horn mit Schiffslack versiegelt. So könne nicht mal norddeutsches Schmuddelwetter dem Instrument etwas anhaben, verrät der findige Musiker. Sechs originale Mecklenburger Alphörner entstanden mittlerweile in der bis dato kaum bekannten Witziner Manufaktur. Dabei brauchte das erste völlig neuartige Instrument stolze 15 Jahre Bauzeit - die gesamte Entwicklung mitgerechnet, erzählt Rentner Beyer. 2010 erlebte das erste nordische Hirtenhorn dann seine öffentliche Uraufführung, im Jahr darauf erhielt es das deutsche Patent. „Wir wollen keine Konkurrenz zu den Alpenländern, sondern eine eigenständige Spielweise.“ Das siebte norddeutsche Alphorn soll eine einschneidende Neuerung erfahren. An sich bringe so eine lange Holztrompete, die keine Löcher oder Ventile hat, nur zwölf Naturtöne hervor. Für stimmungsvolle Folklore fehlten aber sechs bis acht Zwischentöne. Dafür will der betagte Erfinder nun eine Tenorhorn-Maschine einbauen. Mit diesem zusätzlichen Klappenmechanismus aus Metall im oberen Teil könnten dem gigantischen Blasinstrument bis zu 20 Töne entlockt werden. Ende des Jahres soll das Unikat fertig sein, sagt Beyer. „Ich möchte eine größere Vielfalt von Klängen erzeugen und damit mehr maritime Melodien spielen können. Rein theoretisch müsste es klappen.“ Die Ideen für seine norddeutsche Variante des seit Jahrhunderten in den Bergen von Hirten gespielten Instruments übernahm Baldur Beyer vom Großvater aus Masuren (Polen). Der hatte die nur 1,80 Meter lange Ligawka, ein masurisches Horn, auch stets aus gekochten und gebogenen Holzleisten gefertigt. „Dieser Ton der Ligawka, der hat mich mein Leben lang fasziniert, deshalb habe ich nun selbst Alphörner gebaut, um diese Musik wieder zu hören.“

An einem einzigen Instrument arbeitet Beyer alles in allem rund 160 Tage, wie er erzählt. Körperliche Fitness braucht er aber auch zum Blasen des riesigen Instrumentes. Außer einem guten Gehör müsse die Atmung stimmen, betont der 78-Jährige. Dann holt er tief Luft, setzt sorgsam die Lippen an das Mundstück an. Und ein schwerer, fast wehmütiger Ton des Alphorns dröhnt weithin über den stillen mecklenburgischen See.  

 

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