Mitten im Leben : Sechs Damen in einer WG

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Aufgrund ihrer Gesundheit muss die 88-jährige Ilka Bratke ihre Wohnung verlassen – ihr Weg führt in eine Gruppe

svz.de von
16. Juni 2016, 12:00 Uhr

Wenn Ilka Bratke mit ihren fünf Mitbewohnerinnen zusammensitzt, kommt es schon mal vor, dass sie spontan ihre alte Quetschkommode hervorholt und mit den anderen ein Liedchen anstimmt. Die sechs Damen im Alter zwischen 72 und 90 Jahren leben in einer betreuten Wohngemeinschaft im Augustenstift zu Schwerin. Jede von ihnen hat ein eigenes Zimmer mit barrierefreiem Bad, zusammen etwa 20 Quadratmeter. Geteilt werden der gemeinschaftliche Wohnbereich und die Küche.

Das Statistische Landesamt konnte keine konkreten Angaben darüber machen, wie viele solcher Wohngruppen in Mecklenburg Vorpommern existieren. Es wird jedoch deutlich, dass das Wohnmodell immer mehr an Boden gewinnt. Das zeigt sich besonders im Augustenstift zu Schwerin, das mit diesem Konzept bereits seit zehn Jahren große Erfolge verzeichnet. Insgesamt zwei solcher Senioren-Wohngruppen haben sie in ihrem Wohn- und Pflegeangebot integriert. Die Vorteile sprechen für sich. Selbst bei größerem Pflegebedarf verlieren die Bewohner nicht ihre Selbstständigkeit. Eine 24-Stunden-Betreuung gibt es nicht. Die Wohngenossen helfen und unterstützen sich gegenseitig. Wer für sich sein will, zieht sich zurück. Auch wer einziehen darf, dürfen die Bewohner mitbestimmen. Ilka Bratke und ihre Mitbewohnerinnen haben entschieden, unter sich zu bleiben. Sie wollen eine reine Frauen-Wohngruppe sein.

Etwa 350 Euro zahlen die Bewohner monatlich für Miete und Betreuungspauschale. Diese umfasst jedoch keine medizinische oder pflegerische Betreuung, sondern vor allem das Freizeitangebot des Pflegenetzwerkes. Ausflüge, Feste, Konzerte usw. Für den Ernstfall gibt es ein Notrufsystem, doch wer die Unterstützung eines Pflegedienstes benötigt, kann sich diesen frei wählen. Auch ihr Mittagessen lassen sich Ilka Bratke und ihre Mitbewohnerinnen meist vom Augustenstift liefern. Wer das nicht will, kocht sich selbst etwas. „Einmal in der Woche gebe ich meinem Sohn telefonisch die Bestellung durch“, witzelt Emilie Olbert. Die 81-Jährige wohnt am längsten in der Wohngruppe. Einmal in der Woche fährt ihr Sohn für die ganze WG einkaufen. Das ist eine große Hilfe, denn fünf der sechs Frauen haben eine Pflegestufe.

Aus diesem Grund kommt Angela Prydka fünfmal in der Woche für je drei Stunden vorbei. Die 55-Jährige ist eine Präsenzkraft, eine Helferin in der Pflege, des Augustenstifts. Sie bastelt mit den Bewohnern, malt, backt. Und zwischendurch wird auch gerne mal gesungen.

Für Ilka Bratke ist es etwas Besonderes, in der Wohngemeinschaft zu leben. „Ich habe seit Jahren ehrenamtlich in einem Heim gearbeitet und habe alle Variationen kennen gelernt. Durch meine Arbeit habe ich überall reingeschnuppert“, erzählt die 88-Jährige. „Und als ich hier herkam und von Damen begrüßt wurde, da dachte ich: Wenn die so auf dich zukommen, dann bist du hier wohl richtig.“

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