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Ausbildung : Schwierigkeiten haben Bewerber, aber auch Unternehmen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Felix Keiler ist Azubi, Manuela Nehls kennt die Unternehmensseite - beide haben es nicht leicht

von
erstellt am 31.Jul.2015 | 08:00 Uhr

Felix Keiler ist endlich angekommen. Zum ersten August beginnt der 23-jährige Ludwigsluster seine Ausbildung zum Hörgeräteakustiker. Bereits seit Februar unterstützt er die Schweriner Firma Blümchen und Gerland Hörakustik im Rahmen eines Praktikums. Doch so klar, wie sich sein Berufsweg heute darstellt, war er nicht.

„Ich habe schon einige Dinge begonnen, aber nicht beendet. Eigentlich wollte ich Musik studieren“, sagt er. Aber ohne Abitur hat das nicht geklappt. Also musste schnell etwas anderes her. Eine Ausbildung zum Erzieher. Doch schon in der Probezeit wurde dem jungen Mann klar: „Das ist nichts für mich.“ Danach reizte ihn die Tätigkeit als Veranstaltungskaufmann oder Mediengestalter. Über Freunde entdeckte er schließlich das Handwerk des Hörgeräteakustikers. Doch auch diesen Ausbildungsweg geht er nicht direkt. Zunächst will er sich in einem Praktikum ausprobieren. Das hat so gut funktioniert, dass sich daraus nun die Ausbildung ergeben hat. Durch sein Langzeitpraktikum hatte er die Chance, trotz schlechter Schulnoten einen Ausbildungsplatz zu bekommen und sich gegen Mitbewerber durchzusetzen. Da sein Handwerk jedoch „nicht so bekannt ist“, wie er sagt, gab es weniger Mitbewerber als in anderen Branchen. Ihn reizte vor allem die Arbeit mit Menschen sowie die Möglichkeit, (Hör-)Probleme zu lösen.

In seinem Freundeskreis aus der Schule wollten die meisten ihr Abitur machen, weil Abiturienten „verständlicherweise“ gegenüber Realschülern bevorzugt würden. Nur auf dem Ausbildungsmarkt berge das Schwierigkeiten, so der 23-Jährige. Abiturienten würden es Real- und Hauptschul-Absolventen schwieriger machen, „an eine gute Ausbildungsstelle zu kommen“. Und eigentlich „sollten sie, wenn sie schon die Möglichkeit haben, auch studieren.“

Seine frühere berufliche Orientierungslosigkeit bereut Felix Keiler heute nicht. „Es war gut so“, sagt er. Denn lieber sattle er in jungen Jahren öfter um, als später mit seinem Beruf unglücklich zu sein. Diese Meinung ziehe sich auch durch seinen jetzigen Bekanntenkreis: „Da haben viele ihre Ausbildungen abgebrochen und wieder neu angefangen.“ Diese Wechsel hält er für unproblematisch.

An zukünftige Lehrlinge werden hohe Anforderungen gestellt, weiß Felix. Besonders in den Schulfächern Mathematik, Biologie und Physik sollten sie gut sein. Bei ihm hat es dank des Langzeit-Praktikums auch ohne super Noten geklappt. „Am Ende ist es ein Handwerksberuf. Das sollte man auch ohne Top-Noten erlernen können.“

Felix’ Kollegin Manuela Nehls kennt die Schwierigkeiten der Unternehmen

Für eine Ausbildung in der Hörgeräteakustik sind Abiturienten am besten geeignet, sagt Manuela Nehls. Sie schaut bei Felix’ Ausbildung neben Chefin Annett Blümchen über die Schulter. Aber viele Abiturienten würden sich für ein Studium entscheiden, was eine geringere Bewerberzahl zur Folge hätte. Dabei seien sie „im Grunde besser geeignet“, sagt Nehls. Nicht nur wegen ihrer Schulbildung, sondern vor allem, weil sie einfach älter sind. „Ihnen fällt es leichter, sich auf Kunden einzulassen und aus sich rauszukommen. 16-Jährige sind da oft noch zu schüchtern und zu unerfahren“, erklärt die Brüelerin.

So lange, wie es die Blümchen und Gerland Hörakustik in Schwerin gibt, wird dort auch ausgebildet. Manuela Nehls erklärt: „Frau Blümchen hat schon damals, 1994, mit einem Auszubildenden eröffnet.“ Auch sie selbst wurde direkt im Betrieb ausgebildet. Inzwischen arbeitet die Brüelerin seit 16 Jahren in Schwerin. In dieser Zeit wurden auch über zehn junge Lehrlinge aufgenommen. Von den letzten drei Azubis hätten zwei die Lehre leider frühzeitig abgebrochen, sagt sie. Die meisten Lehrlinge würden die Ausbildung als einfacher einschätzen, als sie tatsächlich ist. „Die jungen Leute geben dann einfach zu schnell auf. Natürlich ist die Berufsschule schwer, aber nicht unmöglich.“ Diesen Trend beobachtet Nehls schon seit einigen Jahren. Ihnen fehle die Durchhalte-Mentalität, die früher Standard war. Für Betriebe eine schwierige Situation, zu wissen, dass die Lehrlinge jederzeit abspringen könnten. „Wir sind derzeit vier Angestellte. Mehr als fünf waren wir bisher auch nicht“, erklärt die Hörgeräteakustikerin. Daher zählt auch jeder Auszubildende im Geschäft.

Die Suche nach neuen Kräften gestaltet sich indes immer schwieriger. Auf die Ausbildungsstellen, die bei der Agentur für Arbeit und einigen Online-Jobportalen zu finden sind, würden sich generell nur wenige junge Leute bewerben. Und viele von ihnen genügten den schulischen Anforderungen nicht. Ihnen emfiehlt Manuela Nehls, die Chance eines Praktikums zu nutzen, um sich gegebenenfalls in der Praxis zu beweisen.

In diesem Jahr habe es einige Bewerber für die freien Lehrlingsstellen gegeben. „Von denen haben wir zwei einstellen können.“

Dass sich so wenige junge Leute bewerben, kann sie nicht ganz verstehen. Zwar sei ihr Handwerk noch recht unbekannt, aber es gäbe feste Arbeitszeiten, vielfältige Aufgaben  und der Beruf habe Zukunft. „Es werden immer mehr Menschen, die schlecht hören können“, sagt Nehls. Außerdem sei die Arbeit abwechslungsreich und die Branche brauche Nachwuchs. Anders ist die Lage bei medizinischen Fachangestellten, wo eher ein Bewerber- statt Stellenüberschuss herrscht.

Manuela Nehls hat ihre Ausbildungsstelle damals in der Lehrstellenbörse unserer Zeitung gefunden und ist noch heute zufrieden mit ihrer Entscheidung. Entsprechend froh wäre sie, wenn sich mehr junge Leute dafür erwärmen könnten. Bei Blümchen und Gerland Hörakustik zumindest würden sie mit offenen Armen empfangen werden.

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