Justioz : Schwester des Angeklagten sagt im Joggerin-Mord-Prozess aus

Anders als ihre beiden Geschwister macht die Berlinerin nicht von ihrem Aussageverweigerungsrecht gebrauch. Auch ein weiterer Zeuge wird befragt.

svz.de von
02. Dezember 2013, 19:20 Uhr

Sabine S. wirkt gelassen, fast entspannt. Ruhig sitzt die Berlinerin im Schweriner Landgericht auf dem Zeugenstuhl und beantwortet bereitwillig alle Fragen. Auch die des Staatsanwaltes, warum sie so entspannt wirkt. Denn eigentlich hätte die 51-Jährige allen Grund zur Aufregung. Gut 30 Jahre lang hat sie den Mann auf der Anklagebank nicht gesehen - Norman L., ihr „kleiner Bruder“. Und dem wird Mord vorgeworfen. „Die schlimmste Straftat, die das Gesetzbuch kennt“, erinnert der Staatsanwalt. „Den Schock hatte ik, als ik dit jelesen habe“, sagt die Frau und zeigt auf ihre Zeugenladung. Richtig glauben könne sie immer noch nicht, was da steht. Ihr Bruder soll die junge Joggerin aus Lübeck erstochen haben? Sie schüttelt den Kopf. „Er war immer unser kleener Süßer, ein liebes Kind“, sagt die ältere Schwester, die gar nicht aussagen muss. Ein Aussageverweigerungsrecht, das zwei weitere Geschwister auch nutzen. Doch die Frau redet. Manchmal schaut sie ihren Bruder freundlich an, er schaut zurück – wie immer ernst, manchmal scheint er ihr leicht zuzunicken. Weil er schweigt in diesem Prozess, lädt das Gericht eine Vielzahl von Zeugen und Sachverständigen vor, die Aufschluss geben könnten über seine Persönlichkeit und zum Tatverlauf.

Sabine S. hat die Familie schon mit 16 Jahren verlassen, wie sie sagt. Den Vater schildert sie als Alkoholiker, der die Mutter schlug. Die Mutter als „dominante Frau“, die wiederum Schläge an die Kinder weitergab. Nach der Scheidung habe die Mutter erneut geheiratet und sei von Berlin nach Lübeck gezogen. Norman L., der kleine Bruder, musste mit. Sie selbst habe eine eigene Familie gegründet, sagt die Zeugin - und erst 1988 wieder was von Norman L. gehört. Da stand er in Lübeck wegen Urkundenfälschung vor Gericht. Er hat, wie sich herausstellte, die Unterschrift seiner Mutter auf einem vorgedruckten Scheck gefälscht und auf diese Weise versucht, 2000 DM vom Konto des Stiefvaters auf seines umzuleiten. Der Schwindel flog auf, L. wurde zu einer Jugendstrafe verurteilt. Er habe sich seitdem nicht wieder gemeldet, sagt die Schwester. Sie sieht ihn jetzt erstmals wieder.

Ein weiterer Zeuge, der Norman L. bei einer Umschulung kennenlernte, sagt, er habe L. in der Schule als eher beherrscht kennengelernt. Deshalb sei er auch so verwundert gewesen, als er einmal miterlebte, wie L. eines seiner vier Kinder schlug – weil es auch nach mehrfacher Aufforderung das Kinderzimmer nicht aufräumte. „Das hat mich ein bisschen sprachlos gemacht“, sagt der Mann.

Eine 22-jährige Zeugin, die den Angeklagten von einer anderen Maßnahme der Arbeitsagentur kennt, wollte dagegen in ihrer Freizeit nichts mit L. zu tun haben. Man habe sich zwar ganz gut mit ihm unterhalten können, aber er sei ihr in bestimmten Situationen auch aggressiv vorgekommen. „Ein komischer Kauz“, sagt sie. Deshalb habe sie seine Einladung auf eine Tasse Kaffee abgelehnt.

Das Gericht hörte gestern auch einen Experten vom Landeskriminalamt. Am Körper des Opfers sind seinen Angaben nach mehr als 100 Textilfasern gefunden worden, die einem Hemd von Norman L. zuzuordnen sind. Sie seien vor allem am Oberkörper, aber auch unter einem Fingernagel der getöteten Frau festgestellt worden. Das Gericht hat bis in den Januar hinein noch acht weitere Prozesstage geplant, um zu einem Urteil zu kommen.


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