Altersarmut nimmt zu : Schweriner Tafel auf Achse

Lebensmittel-Kurier Melanie Schernau ist  in Schwerin unterwegs.
Lebensmittel-Kurier Melanie Schernau ist in Schwerin unterwegs.

In der Landeshauptstadt bringen Fahrradkuriere Rentnern und Kranken Lebensmittel nach Hause / Altersarmut nimmt zu

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17. Dezember 2013, 07:00 Uhr

Einen Korb voller Obst, Gemüse, Brot und Quark verstaut Melanie Schernau auf ihrem Fahrrad. „So viel haben wir nur selten zu verteilen, das ist ja fast wie Weihnachten heute“, freut sich die 31-jährige Schwerinerin. Die arbeitslose Floristin ist seit einem halben Jahr bei der Mitte 2012 gegründeten Beschäftigungsgesellschaft „Job-Tafel“ als Lebensmittel-Kurier tätig. Für 30 Stunden Fahrdienst in der Woche erhält sie 1,20 Euro je Stunde von der Arbeitsagentur. Die junge Frau mag ihren Job bei der mobilen Tafel. „Die Dankbarkeit der Leute, die überwiegt“, sagt sie. Dann tritt sie in die Pedale.

Im Land gibt es aktuell rund 30 Tafeln, die schätzungsweise 51 000 Bedürftige mit Lebensmittelspenden größtenteils über feste Ausgabestellen versorgen. Einige organisieren aber auch Bringedienste. In Bützow oder Parchim fährt der Tafel-Transporter abseits gelegene Dörfer extra an. Betroffen seien vor allem Arbeitslose, Geringverdiener, Alleinerziehende und Rentner, erklärt Ländervertreter Willi Grabow. „Die Altersarmut macht sich zunehmend bemerkbar.“ Statistiken zufolge ist im Nordosten wegen geringer Löhne fast jeder vierte Arbeitnehmer über 50 von Armut im Rentenalter bedroht. Aktuell gelten 23 Prozent der Bewohner als armutsgefährdet.

Mit zunehmendem Alter der Tafelnutzer wachse auch die Zahl jener, die wegen Krankheit oder Behinderung nicht einmal mehr den wöchentlichen Weg zur Ausgabestelle schaffen, sagt Monika Schumann, Projektbetreuerin bei der mobilen Tafel in Schwerin. Diese wird von der zum Diakonischen Werk gehörenden Evangelischen Suchtkrankenhilfe gGmbH organisiert. Essen-Austräger sind sechs Ein-Euro-Jobber. Die Lebensmittel-Kuriere steuern jede Woche 55 Schweriner Wohnungen an, in denen 72 Männer, Frauen und Kinder ihre Spende als dringend benötigtes Zubrot ins Haus bekommen.

In einem Plattenbau wartet Gerd Grabbert schon an der Wohnungstür auf seine wöchentliche Besucherin. Melanie Schernau überreicht ihr bunt gefülltes Körbchen. Der schwerbehinderte Mann strahlt. Frischer Quark und Lauchzwiebeln, das gibt ein gesundes Abendessen, sagt er. „Ich kann mit allen Spenden etwas anfangen, hab schließlich früher mal in einer Gaststätte gekocht“, meint der 59-Jährige. Aus dem Kürbis mache er Suppe oder Marmelade, den Paprika schnipple er zu Salat oder tue ihn in Gulasch und Soljanka. Was übrig bleibt, werde eingefroren, für schlechte Zeiten, fügt er noch hinzu.

Längst nicht jeden Tag könnten die Körbe der Kuriere so reichlich bestückt werden wie an diesem Tag, sagt Projektchefin Schumann. Am Tag zuvor etwa seien nur Rettichknollen und Äpfel gespendet worden und die Haustürlieferungen entsprechend schmal ausgefallen. Fast nie gebe es Wurst, Käse oder frisches Fleisch. „Doch die mobile Tafel ist auch kein Essen auf Rädern, sie soll nur zusätzliche Unterstützung leisten.“

Dafür sparen die Kuriere aber nicht mit freundlichen Worten. Sie haben stets ein offenes Ohr für ihre Kunden, wie Tafel-Mitarbeiterin Karin Karnatz erzählt. Die meisten Empfänger seien sehr dankbar über die Gaben. Und jenen Klienten, die weniger geschickt mit dem Kochlöffel umgehen, verraten Melanie Schernau und ihre Kollegen auch gern ein paar Rezepte zur Zubereitung der Spenden.

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