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Tradition und Zukunft : Schweriner Stadtbibliothek - mehr als nur Bücher

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Die Geschichten von Abenteurern, Weltenbummlern und Satirikern warten hinter der Fassade der ehemaligen Pianofabrik darauf, gelesen, erzählt und erlebt zu werden. Aber sind 7700 Leihausweise eigentlich viel oder wenig?

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erstellt am 05.Mär.2012 | 10:42 Uhr

Paulsstadt | Die Geschichten von Abenteurern, Weltenbummlern und Satirikern warten hinter der eindrucksvollen Fassade der ehemaligen Pianofabrik darauf, gelesen, erzählt und erlebt zu werden. Knapp 7700 Menschen haben einen Leihausweis für die Schweriner Stadtbibliothek. Ob das eigentlich viel oder wenig ist, so richtig will das niemand beantworten. Auch Bibliotheksleiterin Heidrun Hamann möchte keine Wertung wagen. Die Diskussionen der vergangenen Tage um einen Umzug der Bibliothek in das C&A-Kaufhaus in der Mecklenburgstraße seien anstrengend. Gurdrun Hamann ist gespalten. Sie liebt das Haus in der Wismarschen Straße, in dem in jeder Ecke ein Stück Schweriner Geschichte steckt. "Der Perzinasaal ist unser Schmuckstück, aber die Akustik bei Lesungen wirklich schlecht", sagt sie über den ehemaligen Konzertsaal, dem einst die beste Akustik in der Landeshauptstadt nachgesagt worden war - allerdings für Musik- und Theaterdarbietungen. Heidrun Hamann hängt an dem Gebäudekomplex, der seit den 90er-Jahren große Teile der Stadtbibliothek beherbergt: "Aber für eine Bibliothek ist das Haus eigentlich nicht optimal." Einsam stehen die Lesetische im großzügigen Perzinasaal, im Jahr 1989 war er nach mehrjähriger Rekonstruktion nach historischem Vorbild für die Bibliothek geöffnet worden. "Dort setzt sich allerdings nur selten jemand zum Lesen hin", sagt Heidrun Hamann. Er sei zu groß. Wo früher die Bühne stand, windet sich jetzt eine Treppe - "eine echte Bausünde" - in den unteren Lesesaal. Bibliotheksmitarbeiterinnen scannen Bücher, CDs, DVDs und andere zurückgegebene Medien zurück in den Bestand. Langsam und leise bewegen sich die Menschen zwischen den Regalen. "Das Vorderhaus ist wirklich toll, es steht unter Denkmalschutz, und jeder staunt über das tolle Ambiente", erzählt die Chefin: "Die Crux ist im hinteren Gebäudeteil verborgen."

Von alten Holzfenstern löst sich die Farbe. Gelbe Feuchtigkeitsflecken zieren die Wänden. Die Deckenbalken hängen durch. "Von der schlechten Bausubstanz mal abgesehen, ist das ehemalige Fabrikhaus nicht für das Gewicht von Büchern konstruiert", erklärt Heidrun Hamann. Und genau darin liege auch das Problem. Nur wenige Gebäude in der Landeshauptstadt stehen standfest genug, um die Tonnen auszuhalten. Eines davon sei das ehemalige C&A-Warenhaus in der Fußgängerzone. Ja, es fehle ihm an Flair, dafür habe es aber eine Vielzahl anderer Vorzüge, die in der Wismarschen Straße einfach nicht zu finden seien. Viele Zimmer bieten viel Platz für Lesungen, Projekte und Veranstaltungen - "die auch mal parallel zum Bibliotheksgeschäft stattfinden können, ohne dass sich jemand gestört fühlt", so die Leiterin. Sie hofft, mit einem Umzug mehr Publikum anziehen zu können. Viele Räume bleiben derzeit verschlossen, "weil die Fluchtwege fehlen. Das ist unpraktisch", sagt die Bibliothekarin. Sie würde auch gern Schulklassen Räume anbieten können. Aber die 1900 Quadratmeter sind verwinkelt und bieten kaum Platz. Das Gebäude in der Mecklenburgstraße mit 2400 Quadratmetern Nutzfläche wiederum halten viele für übertrieben und mit 450 000 Euro Mietkosten pro Jahr für zu teuer - auch die Politik. Der städtische Bauausschuss hat den Umzug bereits negativ bewertet.

Heidrun Hamann ist zerrissen. "Der Ost-Charme des jetzigen Gebäudes hat zwar seinen Reiz, aber die baulichen Mängel schrecken von einem längeren Aufenthalt ab", sagt sie. Leseecken mit einem Sofa oder Spielecken für Kinder sollen nach einem Umzug auf jeden Fall mehr Gemütlichkeit ausstrahlen. "Und was vielen nicht klar ist, unser Angebot richtet sich an alle Bevölkerungs- und Altersgruppen", erklärt sie. "Wir müssen Kinderbücher von der Jugendbibliothek trennen. Junge Erwachsene fühlen sich von lauten Kindern eben oft gestört." Die unterschiedlichen Benutzergruppen sind ein Grund, warum die Stadtbibliothek eine Zusammenlegung mit der Mecklenburgischen Landesbibliothek ablehnt. Im Jahr 1992 hatten sich beide Einrichtungen aus einer heraus gespalten und seit dem in unterschiedliche Richtungen entwickelt. Während sich die Landesbibliothek der Wahrung der Mecklenburgischen Literatur und Werken über die Landstriche und ihre Kulturen widmete, orient ierte sich die Stadtbibliothek an den Bücherbedürfnissen der Schweriner. Mehr als 150 000 Medien werden in der Wismarschen Straße vorgehalten. Die Bibliothekarinnen gaben diese 2011 knapp 370 000-mal aus. "Ich kann nicht sagen, welche Bevölkerungsgruppen unser Angebot am meisten nutzen", sagt Heidrun Hamann. Viele kommen nur zum Stöbern - vor allem im Zeitschriftenregal. Ob Leseratten weiterhin in die Wismarsche Straße gehen, wird die Politik in den kommenden Wochen entscheiden.


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