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Reise nach Jerusalem : Schweriner Pilger in Türkei in Haft

vom
Aus der Onlineredaktion

Erzieher spürt seinen jüdischen Wurzeln nach. Familie ist in Kontakt

von
erstellt am 27.Aug.2017 | 21:00 Uhr

Ein 55 Jahre alter Pilger aus Schwerin soll nach verschiedenen Medienberichten zu den in der Türkei inhaftierten deutschen Staatsbürgern gehören. Der bisher unbekannte Fall des Schweriners sorgt für diplomatischen Ärger zwischen Berlin und Ankara.

Wie die „Bild am Sonntag“ unter Berufung auf Diplomatenkreise berichtete, wurde der Mann bereits im April – vor knapp fünf Monaten – von den türkischen Sicherheitsbehörden festgenommen.

Bei dem Inhaftierten handelt es sich nach Recherchen von NDR 1 Radio MV um den Familienvater David B. aus Schwerin, der als Erzieher und Mediator arbeitet. Nach Angaben seiner Ehefrau war David B. im November 2016 zu einer Pilgerreise mit Stationen im polnischen Auschwitz und Bulgarien mit Ziel Jerusalem aufgebrochen. Es sei ihrem Mann ein tiefes persönliches Anliegen gewesen, auf der Reise seinen jüdischen Wurzeln nachzuspüren, sagte seine Ehefrau. Die Großeltern B.s waren im KZ Auschwitz inhaftiert. Er war mit einem von einer evangelischen Kirchengemeinde in Mecklenburg abgestempelten Pilgerbrief unterwegs. Es gibt Mutmaßungen, wonach die türkischen Behörden dies als Provokation angesehen und B. daraufhin festgenommen hätten. Auf Nachfrage unserer Zeitung konnten indes weder die evangelische noch die katholische Gemeinde in Schwerin Angaben zu dem Fall machen. Der jüdischen Gemeinde war gestern keine Stellungnahme möglich.

Laut NDR ist die Familie des Inhaftierten besorgt. Sie steht in engem Kontakt mit der deutschen Botschaft, dem Auswärtigen Amt und Schweriner Politikern. Der einzige Kontakt zwischen B. und seiner Familie kommt derzeit über das Telefon zustande. Es gebe die Möglichkeit, einmal pro Woche fünf Minuten miteinander zu telefonieren – sofern die Leitung zustande komme, so die Ehefrau B.s. Die Angehörigen setzen weiter auf die diplomatische Karte und hoffen, dass ihr Ehemann und Vater bald wieder nach Hause kommt.

Laut Medienberichten wollte B. mit seiner Pilgerreise auch auf das Schicksal unterdrückter Minderheiten aufmerksam machen. B. berichtete im Südosten der Türkei von Schwierigkeiten mit der Polizei. So sei die SIM-Karte seines Smartphones deaktiviert worden.

 

"Reaktionen aus der Politik" von Tobias Schmidt

Angesichts der Festnahme eines Pilgers aus Schwerin in der Türkei erhebt Grünen-Chef Cem Özdemir schwere Vorwürfe gegen den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. „Mit dem Fall des Schweriner Pilgers zeigt sich erneut die Ruchlosigkeit des Erdogan-Regimes gegenüber allen regimekritischen Stimmen“, sagte Özdemir gestern im Gespräch mit unserer Berliner Redaktion. „Er sammelt Geiseln gegen unser Land. Erdogan versteht nur eine Sprache: Die der Härte und des Geldes. Hier müssen wir ansetzen, um endlich unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger und alle politischen Gefangenen des Regimes Erdogan wieder freizubekommen.“ Özdemir forderte eine härtere Gangart gegenüber Ankara. „Es muss weitere Konsequenzen geben: Alle, die auf den sogenannten Terroristenlisten Ankaras stehen und in Wirklichkeit einfach keine Erdogan-Befürworter sind, müssen schnellstmöglich durch unsere Behörden informiert werden. Ein weiterer Fall wie bei Dogan Akhanli muss unbedingt vermieden werden“, sagte der Grünen-Chef.

Elmar Brok, Europaabgeordneter der CDU, nannte es „einen unerträglicher Zustand, dass ein offenbar harmloser Pilger dort seit Monaten festgehalten wird.“ Das Auswärtige Amt und die Türkei müssten jetzt „sofort klären, was ihm zur Last gelegt wird. Sollte es keine nachvollziehbaren Vorwürfe geben, muss der Mann sofort freigelassen werden“, sagte Brok gestern im Gespräch mit unserer Berliner Redaktion. Durch die Festnahmen in der Türkei steige die Unsicherheit dramatisch an. „Es ist klar, dass kaum noch ein Tourist in das Land reisen wird. Die Türkei schadet sich durch die Politik von Erdogan selbst am meisten. Die Gespräche über eine Ausweitung der EU-Zollunion können unter diesen Bedingungen nicht weitergeführt werden!“, forderte Brok.

In der Türkei sind derzeit zehn Deutsche aus politischen Gründen hinter Gittern. Wie gestern bekannt wurde, gehört dazu auch ein 55 Jahre alter deutscher Pilger. David B. aus Schwerin war den Angaben zufolge bereits im April festgenommen worden, nachdem er über Bulgarien in die Türkei eingereist war und nach Jerusalem weiterreisen wollte.

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