zur Navigation springen
Mecklenburg-Vorpommern

13. Dezember 2017 | 19:52 Uhr

Schweriner Lebensretter in Not

vom

svz.de von
erstellt am 11.Jan.2012 | 06:22 Uhr

Schwerin | Immer mehr Notrufe, obwohl gar keine Lebensgefahr besteht, immer mehr zusätzliche Aufgaben vom Fahren des Abschleppwagens der Stadt bis hin zur Tierkadaverbeseitigung: Die Schweriner Lebensretter schlagen wegen Überlastung Alarm. Selbst der für das Amt für Brandschutz und Rettungsdienst zuständige Dezernent Dr. Wolfram Friedersdorff gibt unumwunden zu: "Die Rettungsassistenten und Notärzte sind am Ende ihrer Leistungsfähigkeit." Deshalb verhandele die Stadt mit den Krankenkassen, um sowohl materielle als auch personelle Verbesserungen erzielen zu können.

Gegenwärtig sind tagsüber drei Rettungswagen für das gesamte Stadtgebiet im Einsatz. Im Notfall steht ein Reservewagen bereit, den Feuerwehrleute besetzen könnten. Doch von 22 Uhr an ist lediglich ein einziger Wagen für alle Landeshauptstädter besetzt. Es ist kaum zu glauben: Wenn dieser zwischen 22 und 6 Uhr im Einsatz ist, muss jeder Schweriner, der um sein Leben ringt, warten, bis der Rettungswagen wieder frei ist.

Die bei der Stadt angestellten Rettungsassistenten um Jörg Allrich, den Leitenden Notarzt der Rettungsleitstelle Westmecklenburg in Schwerin, reichen schon lange nicht aus, um die Dienstbereitschaft abzusichern. Anders als beispielsweise in der Hansestadt Rostock leisten deshalb in Schwerin die Berufsfeuerwehrleute in wechselnden Schichten auch regelmäßige Einsätze im Rettungsdienst. Acht Mann pro Tagschicht. Vier Wachschichten hat die Landeshauptstadt. Insgesamt gibt es pro Schicht gibt es etwa 33 bis 35 Lebensretter. Durch Krankheit, Lehrgänge und Personalversetzungen innerhalb der Schichten kommen so zu den acht Rettungsdienst-Leistenden tagsüber 16, nachts 14 Feuerwehrleute - aber zumeist nur auf dem Papier.

"Beim Rettungsdienst lässt sich definitiv kein Personal einsparen. Das passiert bei der Feuerwehr", sagt ein Lebensretter unserer Zeitung*. Zwar würden sich Neueinstellungen bemerkbar machen, "aber wir hatten Ende vergangenen Jahres auch Schichten mit nur zehn Feuerwehrleuten", berichtet der Beamte.

Dass Lehrgänge ohne Ausschreibung oder Bewerbung vergeben würden, verbessere auch nicht gerade das Betriebsklima, berichten Einsatzkräfte. Außerdem führe das auch dazu, dass eben nicht jeder alles machen könne - was wiederum die Personalnot verschärfe. Auch die Dienstpläne seien oftmals für die Kameraden nicht verlässlich, erzählen sie. Zwar wüssten sie, an welchen Tagen sie Dienst haben, aber oftmals nicht mehrere Tage im Voraus wo. "Ein Einsatzplan wird da auch schon mal innerhalb eines Tages mehrfach geändert", erklären Lebensretter.

Ein ähnliches Problem sei für die Beamten die Beförderungspolitik im Amt. "Wir haben Kollegen, die seit 20 Jahren ohne eine Beförderung auf ihrer Eingangsstufe stehen", berichten Feuerwehrleute. Motivation sieht anders aus.

Es sei zudem keine Ausnahme, dass Jahrespraktikanten im Rettungsdienst entgegen aller Vorschriften mit zur Sollstärke der Schicht im Rettungsdienst gezählt würden, berichten Lebensretter. Die Kassen vergüten deren Leistung - wie für alle Rettungsassistenten - der Stadt. Sie selbst werden oftmals noch von anderen Institutionen bezahlt, beispielsweise von der Bundeswehr. "Wir fragen uns angesichts solcher Zustände bei Feuerwehr und Rettungsdienst, warum das Innenministerium als Aufsichtsbehörde für die Feuerwehr und das Sozialministerium für den Rettungsdienst nichts machen", sagen die Beamten, die die Hoffnung auf Unterstützung durch die Stadtspitze schon lange aufgegeben haben, wie sie unserer Zeitung berichten. Erschwert werde die gesamte Situation dadurch, dass "unzählige Einsätze wegen Unsinns" gefahren würden. Aber wann ihr Amtsleiter zuletzt eine Anzeige wegen Notruf-Missbrauchs erstattet hat, daran könnten sich die Lebensretter nicht erinnern.

Etwa zehn Einsätze pro Zwölf-Stunden-Schicht fahren die Feuerwehrleute im Rettungs- und Notarztwagen. "Wir haben regelmäßig Einsätze, bei denen der Anrufer in Jacke und mit Tasche das Einsatzfahrzeug schon erwartet. Von Lebensgefahr keine Spur." Aus Sorge vor einer Klage wegen unterlassener Hilfeleistung fahren die Rettungsassistenten, wenn kein Notarzt vor Ort ist, die potenziellen Patienten dann zähneknirschend in die Notaufnahme. "Rogmann-Taxi" nennen sie ihren Rettungswagen deshalb schon scherzhaft in Anspielung auf ihren Amtsleiter Jürgen Rogmann. Nur in durchschnittlich zwei von zehn Fällen sei nämlich tatsächlich auch der Notarzt mit in der Wohnung. Mit welchem sie ihren Einsatz fahren, erfahren sie im Übrigen auch erst zu Dienstbeginn. Da immer weniger Schweriner Ärzte den schweren Dienst übernehmen können, greift die Stadt dank der Helios-Kliniken auf eine bundesweite Ärzte-Börse zurück. "Wir haben auch schon mal mit einer Schweizer Ärztin oder einem Mediziner aus Bayern Dienst", berichten Feuerwehrleute.

In der Notaufnahme würden laut der Beamten alle Patienten angenommen, die der Rettungswagen bringt. Auch wenn der Patient wegen offensichtlich nicht vorhandener Lebensbedrohung Stunden warten muss. "Wir bekommen dann auch zu hören, dass sie beim Hausarzt auch warten müssten, bei Helios aber die Mediziner kompetenter seien", berichten Einsatzkräfte. Und so werden Lebensretter zeitlich gebunden und die Kassen - und damit alle Versicherten - bezahlen dafür.

* Namen der Redaktion bekannt


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen