E-Trabi : Schweriner bauen Elektro-„Rennpappe“

Neue Kabelbäume für das Umrüsten auf Elektroantrieb montiert Mechaniker Martin Köchele in einer Autowerkstatt in Schwerin im Motorraum eines Trabant.
Neue Kabelbäume für das Umrüsten auf Elektroantrieb montiert Mechaniker Martin Köchele in einer Autowerkstatt in Schwerin im Motorraum eines Trabant.

Ein Energieversorger will mit Ökostromspeichern und Elektro-Antrieben alte Autos umwelttechnisch auf die Überholspur bringen. Die ersten Trabis wurden in Schwerin zu abgasfreien E-Mobilen umgerüstet. Damit verloren die „Rennpappen“ auch ihr typisches Knattergeräusch.

svz.de von
30. März 2015, 21:15 Uhr

Vom lauten Stinker zum leisen Stromer: Alte DDR-Trabis werden in Schwerin für ein neues Leben als Elektromobile umgebaut. Antriebe für die Stromautos sowie solargetriebene Speicher- und Ladestationen entwickelte der Mecklenburger Energieversorger Wemag mit seinem neuen Tochterunternehmen ReeVolt, wie ReeVolt-Geschäftsführer Raymond See erklärt. Jungfernfahrt für die ersten drei Hightech-Trabis soll am 1. April auf der Insel Rügen sein. Statt laut zu knattern und die Luft zu verpesten, gehen die „E-Pappen“ flüsterleise und abgasfrei mit Touristen auf Nostalgie-Safari.

Dabei habe der wegen seiner Kunststoff-Karosse früher als „Rennpappe“ oder „Plaste-Bomber“ verspottete Trabi durchaus Vorteile für die Umwandlung zum Elektro-Fahrzeug, sagt KfZ-Meister Hans Busse. Selbst mit der 50 Kilo schweren Batterie komme der E-Trabi nur auf rund 700 Kilogramm Leergewicht. Im Vergleich dazu bringe der bereits hundertfach zum E-Auto umgerüstete Fiat 500 mehr als eine Tonne auf die Waage. „Der leichte Trabi wird mit Elektroantrieb ne echte Rakete, wir haben den E-Motor drosseln müssen“, meint Autohausbesitzer Busse.

 

Elektromobilität und Ökostrom-Speicher sind für Westmecklenburgs Energieversorger kein Neuland. Die Wemag, die seit fünf Jahren wieder mehrheitlich den Gemeinden im Versorgungsgebiet gehört, nahm letzten Herbst in Schwerin Europas größten Lithium-Ionen-Akku in Betrieb. Die Superbatterie speichert Wind- und Sonnenenergie und gleicht damit wetterbedingte Netzschwankungen aus. Wesentlich handlichere Speicher gibt es seit 2013 für Eigenheimbesitzer, die den Solarstrom von ihrem Dach nicht ins Netz speisen, sondern selbst verbrauchen.

Diese patentierten, mobilen Hausspeicher haben jeweils die Größe eines kleinen Schränkchens, wie Firmensprecher Benjamin Hintz erklärt. Sie enthalten gebrauchte Pedelec-Akkus, Batterien von Elektro-Fahrrädern, deren Speicherkapazität für den Hausgebrauch noch völlig ausreiche. Der eigene Solarstrom solle nun aber nicht nur die Kaffeemaschine heizen, sondern auch das E-Auto vor der Tür aufladen.

 

Zum Umbau eines herkömmlichen Kleinwagens in ein Strom-Mobil liefert das junge Schweriner Unternehmen das passende „Transformations-Kit“.

Für die E-Auto-Umrüstung kooperiert die Wemag seit 2009 mit einem Hamburger Fahrzeugbauer. Vor einem Jahr wurde das Unternehmen gekauft und im Januar 2015 zur ReeVolt GmbH umfirmiert. Mittlerweile rollen rund 750 ReeVolt-Flitzer auf den Straßen Europas sowie ein Dutzend auf Elektro-Antrieb umgerüstete Kleintransporter für Handwerker, Bäcker und Gemüse-Händler. Seit Sommer 2014 ist auch die Schweriner Autowerkstatt Busse mit von der Partie.

Deutschlandweit kommen Strom-Autos erst langsam in Fahrt. Laut Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) rollten Anfang 2015 knapp 19 000 reine E-Autos, 56 Prozent mehr als ein Jahr zuvor, auf den Straßen bei insgesamt 44,4 Millionen Pkw. Mecklenburg-Vorpommern hat mit nur 126 E-Autos (2014: 76) so wenige wie kein anderes Bundesland. Ein Hindernis sind fehlende Stromtankstellen auf dem Lande. Deutschland liegt nach Informationen der Nationalen Plattform Elektromobilität mit 4800 Ladepunkten an 2400 Standorten lediglich im internationalen Mittelfeld.

Mecklenburg-Vorpommerns Energie- und Verkehrsminister Christian Pegel (SPD) sieht vor allem im Stadtverkehr und naturnahen Tourismus gute Chancen für mehr Elektromobilität. Darauf setzen auch die Schweriner Stromer-Spezialisten. Demnächst solle eine ganze E-Trabi-Flotte über Ostsee-Inseln und Seenplatte sausen, hofft Raymond See. Voll aufgeladen schaffe so eine „Rennpappe“ locker 100 Kilometer Strecke bis zur nächsten Steckdose, sagt er. Zumal die Hochleistungs-Akkus bergrunter Energie zurückgewinnen, wie das Display im Armaturenbrett anzeigt.

KfZ-Meister und Trabi-Fahrer Hans Busse sieht noch weitere Vorteile im Umrüsten der alten Stinker zu modernen Stromern. „Die Wartung wird viel einfacher und preisgünstiger“, sagt der Autohändler. Teure Ölwechsel, kaputte Lichtmaschinen und größerer Motorverschleiß gehörten der Vergangenheit an genauso wie das ohrenbetäubende Auspuff-Geräusch und der durchdringende Benzingeruch.

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