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Kammern legen Finanzen offen : Schwerin ist teuerste IHK im Land

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Die IHK in MV öffnen erstmals ihre Bücher: Jährlich kassieren sie 18 Millionen Euro von den Mitgliedern. Die Schweriner Kammer gehört trotz sechsmal in Folge gesenkter Beiträge zu den 20 teuersten der 80 IHK bundesweit.

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erstellt am 07.Dez.2012 | 10:43 Uhr

Schwerin | Die drei Industrie- und Handelskammern in MV kassieren zur Finanzierung der Kammerarbeit von ihren Mitgliedsunternehmen jährlich mehr als 18 Millionen Euro an Beiträgen und Gebühren. 2011 erhoben sie allein 15,1 Millionen Euro an Beiträgen, geht aus einer in der vom Deutschen Industrie- und Handelskammertages vorgelegten Analyse hervor. Am meisten müssen Unternehmer der IHK Schwerin zahlen, am wenigsten die in Neubrandenburg. Die Schweriner Kammer gehört trotz sechsmal in Folge gesenkter Beiträge zu den 20 teuersten der 80 IHK bundesweit. Die zahlenden Unternehmer in Westmecklenburg mussten 2011 einen Durchschnittsbeitrag von 359 Euro im Jahr überweisen - 109 Euro mehr als in Neubrandenburg, 165 Euro mehr als in Lübeck, 97 Euro mehr als in Rostock. Die Differenzen seien nicht nur mit unterschiedlichen Strukturen zu erklären, kritisiert Kai Boeddinghaus, Chef des Bundesverbandes für freie Kammern. In Schwerin räche sich, dass sich die IHK einen "Palazoo" als Kammersitz geleistet und dem ehemaligen Geschäftsführer eine satte Abfindung hinterhergeschmissen habe. Die Wirtschaft muss zahlen: Die Beitragsregeln der Kammern führten zu großen Ungerechtigkeiten, sagt Boeddinghaus. Zusammen mit den 53 Handwerkskammern gebe es in Deutschland "133 kleine Fürstentümer mit eigenen Abgabenregeln". Während die Kammern vom Staat verlangen, die Abgabenpolitik anzugleichen, gebe es bei den IHK "nicht ansatzweise den Versuch, die Beiträge zu harmonisieren."

Darauf werden die Unternehmen noch warten: Zu unterschiedlich sei die Wirtschaftskraft in den Regionen. Es gebe Kammern mit vielen Firmen im Umfeld, "die schwimmen im Geld", trotz niedriger Beiträge. Andere mit weniger Wirtschaftskraft müssten höhere Beiträge verlangen, erklärt Rostocks IHK-Chef Andreas Sturmowski. Für 2013 seien erhebliche Beitragssenkungen beschlossen, reagiert Schwerins IHK-Chef Siegbert Eisenach auf das schlechte Beitragsranking. Die Hebesätze seien ans norddeutsche Mittelfeld angeglichen worden. Die im Vergleich zu anderen Regionen höheren Gewerbeerträge der westmecklenburgischen Firmen führten aber zu höheren Beiträgen, begründet Eisenach. Am Ende entscheide das Ehrenamt über die Beiträge. In Neubrandenburg sorge die "schlanke Struktur" für niedrige Beiträge, meint Kammerchef Torsten Haasch. Der "Gebührensalat" belaste vor allem kleine Betriebe. Die würden "sensationell stärker belastet als große", meint Boeddinghaus. So gebe es Kammern, die verlangten von einer Firma mit einem Gewinn von 1000 Euro 20 Prozent als Beitrag, von einem Unternehmen mit 28 Millionen Euro aber nur 0,251 Prozent.

Der gesetzlich verbriefte Kammerbetrieb hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einem Millionengeschäft entwickelt. Neben den Beiträgen stellen die drei IHK ihren 84 300 Mitgliedern in MV noch Gebühren in Millionenhöhe in Rechnung. Rostock z. B. weist für 2011 etwa 1,2 Millionen Euro aus, Schwerin 875 000 Euro, Neubrandenburg 791 000 Euro.

Mit der Transparenzoffensive wird erstmals ein direkter Vergleich der Wirtschaftlichkeit möglich. Die Unternehmen hätten ein Anrecht auf mehr Transparenz, meint Kammerchef Eisenach: "Lieber spät als nie." "Ein Einstieg", begrüßt auch Kammerkritiker Boeddinghaus den neuen DIHK-Kurs. "Die IHK müssen aber begreifen, dass das nur der Anfang sein kann", meint er und verlangt mehr Offenheit - z. B. über Personalrückstellungen. Da gebe es noch "Tricksereien". Auch sei die Beteiligung bei den Kammerwahlen nicht nachprüfbar. Die bisherigen Angaben seien nur "Datenmüll". Vor allem müssen das Einkommen der Führungsetage und die vielfältigen Nebeneinnahmen offengelegt werden.

Das haben die Kammern für 2013 zugesagt. Dann werde veröffentlicht, wie viel die Mitglieder der IHK-Führung zusammen, die Referenten sowie alle übrigen Beschäftigten verdienen, kündigte Rostocks Kammerchef Sturmowski an: Ein "völlig richtiger" Schritt. Kritikern geht das nicht weit genug: Sie fordern konkrete Einkommensangaben der Hauptgeschäftsführung. "Ich glaube nicht, dass die Veröffentlichung des Gehaltes dazu beiträgt, dass eine neue Sachlichkeit auf den Tisch kommt", lehnt Neubrandenburgs Kammerchef Haasch ab. Personengebundene Daten haben nichts in der Öffentlichkeit zu suchen, wehrt sich auch Eisenach. Kein Thema hingegen für IHK-Chef Sturmowski: "Ich habe damit kein Problem, wenn mein Gehalt in der Zeitung steht."

Die Debatte um Zwangsmitgliedschaft und hohe Beiträge sorgt zumindest bei den IHK dafür, dass sie ihre Bücher öffnen. Nun müsse die Offenheit auch bei den 53 Handwerkskammern in Deutschland sowie den berufsständischen Kammern Einzug halten, sagt Boeddinghaus: "Da passiert aber bisher nichts."

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