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Amtsgericht Schwerin : Schweres Gewürge oder Umarmung?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Zeugen machen es Gerichten mitunter nicht leicht, die Wahrheit herauszufinden

von
erstellt am 20.Mai.2016 | 20:55 Uhr

Richter Rainer Schmachtel verschränkt die Arme vor der Brust. „Ich kann warten, notfalls bis 17 Uhr“, erklärt er dem etwas widerspenstigen Zeugen, wie weit seine Geduld reichen könnte. Es ist erst morgens um 10 Uhr im Amtsgericht Schwerin. „Ich will endlich wissen, was damals los war“, setzt Schmachtel nach. Dennoch will sich der schmächtige Mann vor ihm nicht so recht erinnern. Dabei soll er eines der Opfer des stämmigen Mannes gewesen sein, der rechts von ihm auf der Anklagebank sitzt. Die beiden kennen sich von einer Bank in Schwerin, auf der sie mit weiteren Bekannten regelmäßig „einen abgerissen haben“. Dort kommt es offenbar ab und an zu einem Handgemenge. Was im vergangenen Frühjahr dort geschah, war allerdings mit dem vielleicht naheliegenden „Schlagen und Vertragen“ nicht mehr zu regeln. Die Polizei wurde alarmiert.

Nun wirft die Staatsanwaltschaft dem Angeklagten mehrfache Körperverletzung und räuberische Erpressung vor. Und Schmachtel soll klären, was dran ist an den Vorwürfen. Die Zeugen machen es ihm nicht gerade leicht mit der Rechtsfindung.

Den Schmächtigen soll der Angeklagte in einem Waschsalon, wohin man von der Sitzbank wegen des Regens ausgewichen war, geschlagen, den Weg versperrt und 50 Euro abverlangt haben. Der Schmächtige flüchtete durch ein rückwärtiges Fenster und holte die Polizei.

Zwei Wochen später sahen sich die beiden Männer auf der Bank wieder. Weil der Schmächtige die Anzeige wegen des Vorfalls im Waschsalon nicht zurücknehmen wollte, nahm der Angeklagte ihn in den Schwitzkasten, bis ihm schwarz vor Augen wurde. Erst mithilfe eines Cutter-Messers konnte sich der Drangsalierte befreien. Der Angeklagte trug eine lange Schnittwunde im Bein davon.

Vor Gericht allerdings ist aus dem Opfer kaum etwas herauszubekommen. Schmachtel hört die Kumpel von der Bank. Die einen sahen den Schwitzkasten als „Umarmung“, die anderen als „ein schweres Gewürge“. Der Nächste hat nicht so genau hingesehen.

Bereits im Winter zuvor soll der Angeklagte bei einem wohl feuchtfröhlichen Abend in einer Wohnung kräftig hingelangt haben. Am Ende war einer seiner Bekannten verletzt und ein Heizkörper aus der Verankerung gerissen, so die Staatsanwaltschaft. „Er soll Ihnen ’was auf die Backe gegeben haben“, versucht Schmachtel der Erinnerung eines mutmaßlichen Opfers auf die Sprünge zu helfen. „Kann sein. Ich war so besoffen, ich weiß das nicht mehr“, bekommt er zur Antwort.

Gegenüber der Polizei, so der Amtsrichter, habe der Zeuge auch eine herausgebrochene Zahnecke angezeigt. „Nee“, erwidert der Mann und lacht, „das kam vom Kiffen, nicht vom Schlagen“. Schmachtel entlässt ihn aus dem Zeugenstand und wünscht ihm, dass seine begonnene Drogentherapie erfolgreich sein möge.

Wegen Fahrens ohne Führerschein, Körperverletzung, Geldfälschung und Diebstahl stand der Angeklagte schon häufiger vor Gericht. Dreimal saß der Langzeitarbeitslose ein, wenn auch nie sehr lange. Inzwischen ist er in einen anderen Stadtteil gezogen, weg von den Kumpeln auf der Bank. „Ich trink’ nur noch Wein“, erzählt er, „keine harten Sachen mehr“. Eigentlich will er ganz weg vom Alkohol und versichert: „Das kann ja so nicht weitergehen.“ Bei Richter Schmachtel kommt er noch einmal glimpflich davon. Der verurteilt ihn zu einem Jahr Gefängnis auf Bewährung. Das Verfahren wegen der Schlägerei in der Wohnung wurde eingestellt. Die Zeugenausssagen ließen eine andere Rechtsfindung nicht zu.

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