zur Navigation springen
Mecklenburg-Vorpommern

17. August 2017 | 15:42 Uhr

Schwelbrand bei der Feuerwehr

vom

Gadebusch | Groß Molzahn hat Probleme. Zum Beispiel mit Ratten. Ihnen hat die Gemeinde im Westen von Nordwestmecklenburg den Kampf angesagt: In den Kleingärten, wo eine zerschlissene Deutschlandflagge kraftlos im nebligen Novembergrau baumelt, werden über den Winter Giftfallen platziert. Schon seit Jahren quält das Ungeziefer die Bewohner der Neubaublocks auf dem Hügel. Im Tal, mitten im alten Ortskern, steht das Dorfgemeinschaftshaus - Fachwerk, Reetdach, norddeutsche Bauernromantik, Domizil von Freiwilliger Feuerwehr und Kulturverein. Neben Einladungen zu Kinder- und Rentnerweihnachtsfeiern hängt ein Zeitungsausschnitt am Eingang: "Vandalen zerstören Blumenbeete" meldete die "Schweriner Volkszeitung" am 3. November.

Nichts zu lesen, zu hören oder zu sehen ist an diesem Nachmittag von dem, was die Groß Molzahner am meisten ärgern sollte: Sie leben vielleicht in einem braunen Sumpf. Das ist natürlich nicht bewiesen, zugespitzt formuliert ist es überdies und gewiss ist das auch ein wenig dem Umstand geschuldet, dass Deutschland im Herbst 2011 auf das Ausmaß rechtsextremistischer Gewalt fast panisch reagiert.

Politisch korrekt sollte es für Groß Molzahn vorerst heißen: Im Dorf ringt der demokratisch gewählte Bürgermeister mit Kameraden in Thor-Stei nar-Klamotten, den Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr. Karl Heinhold Buchholz ist seit zwölf Jahren Gemeindevertreter, Gemeindeoberhaupt seit 2009. Im März 2011 hat er seinen Feuerwehrleuten - auf dem Papier sind es 17 - untersagt, bei Auftritten in der Gemeinde Kleidung der Marke Thor Steinar zu tragen. Diese hat "eine identitätsstiftende Wirkung in der rechtsextremistischen Szene", so erklärt das Innenministerium jedem, der fragt. In Bundes- und Landtag und Fußballstadien hat Steinar darum Hausverbot.

Die Groß Molzahner Feuerwehr um ihren früheren Wehrführer Danny Strauch ließ ihren Dienstherrn auflaufen. Beim Tanzabend zur Feier des 75. Gründungsjubiläums Mitte Juli erschienen zwei Kameraden in der umstrittenen Aufmachung. Rückendeckung erhielten sie dabei von Buchholz’ beiden Stellvertretern. Die 1. Stellvertreterin, früher selbst Bürgermeisterin, glaubt, ihr Nachfolger trifft nicht den richtigen Ton bei den "Jungs", die bei Tageslicht betrachtet zwischen Anfang 20 und um die 50 sind. Der 2. Stellvertreter, selbst bei der Feuerwehr engagiert, brachte sogar einen Abwahlantrag gegen den Bürgermeister auf den Weg. Der scheiterte am Dienstagabend bei einer öffentlichen Gemeindevertretersitzung, zu der an die 70 Groß Molzahner ins Dorfgemeinschaftshaus gekommen waren.

Viele von ihnen halten zu den "Jungs". Rechtsextrem? "So ein Quatsch!" Alle wissen doch, dass Danny schon seit zehn Jahren und mehr auf Thor Steinar steht, ganz einfach, weil die Klamotten so schick und von guter Qualität sind. Und überhaupt: Die Zwickauer Rechtsterroristen trugen Zeug von Jack Wolfskin - ist der damit auch verdächtig? Die Feuerwehr wolle einfach ihre Ruhe haben. Völlig zu Unrecht werde das Dorf in die braune Ecke geschoben. Sogar der Staatsschutz, vom Bürgermeister zur Hilfe gerufen, habe keine Anhaltspunkte gegen die Steinar-Fans entdecken können.

Ruhe in Groß Molzahn? Am Montagmorgen fand der Bürgermeister sein Auto von Fußtritten demoliert vor seinem Haus vor. Ein Fakt, der auf einer rechtsextremistischen Internet-Seite ausgiebig gewürdigt wird: "Anfang der Woche hatten Unbekannte zudem - sozusagen auf dem kleinen Dienstweg - das Privatauto des Bürgermeisters demoliert, wobei ein Sachschaden von rund 3000 Euro entstanden war", heißt es unter der Überschrift "Die Uhr tickt". Auch Warnungen a la "Wer Wind sät, wird Sturm ernten" finden sich dort.

Danny Strauch hat für sich und seine Wehr bei der öffentlichen Gemeindevertretersitzung bekundet, mit Rechtsextremismus nichts am Hut zu haben. Ob das mehr war als ein Lippenbekenntnis, wie manche glauben? Ob Feuerwehrleute, die der Wehr in den vergangenen Monaten den Rücken kehrten, auch nicht den "richtigen Ton" getroffen haben? Kein Kommentar dazu, statt dessen ein unverbindlicher Anruf vom Rechtsanwalt.

Der Bürgermeister immerhin gab gestern eine offizielle Stellungnahme ab: "Man kann über alles reden bis auf den Punkt, dass diese Kleidung tabu ist." Klingt eher nach Angebot denn nach Kampfansage.

zur Startseite

von
erstellt am 09.Dez.2011 | 08:04 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen