Partnersuche in der Ostsee : Schweinswal, ledig, sucht

Ostseeschweinswale sind gefährdet. Forscher machten anlässlich des Internationalen Tags des Ostseeschweinswals am Sonntag auf die prekäre Lage der Tier aufmerksam.
Ostseeschweinswale sind gefährdet. Forscher machten anlässlich des Internationalen Tags des Ostseeschweinswals am Sonntag auf die prekäre Lage der Tier aufmerksam.

Nur knapp 500 Tiere leben in der zentralen Ostsee – in dem großen Areal ist die Paarsuche schwierig und laut Forschern Schutz der Population deshalb dringend notwendig

svz.de von
22. Mai 2018, 12:00 Uhr

Der Ostseeschweinswal ist eine sehr anfällige Schweinswal-Population: Nur knapp 500 Tiere – so fand es das internationale Forschungsprojekt Sambah 2014 heraus – leben in der zentralen Ostsee östlich des Darß. Ihr Verbreitungsgebiet reicht von der vorpommerschen Küste bis an die Küsten Finnlands und Russlands – und ist damit größer als die Bundesrepublik. Selbst wenn sich die Tiere zur Paarsuche südlich der schwedischen Insel Gotland in einem Flachwassergebiet sammeln, gleicht sie der Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Das Paarungsareal – die Midsjöbank – ist noch so groß wie Mecklenburg-Vorpommern.

Zum Vergleich: In der westlichen Ostsee, der um ein Vielfaches kleineren Beltsee, leben Schätzungen zufolge rund 30 000 Schweinswale. „Dieser westliche Schweinswalbestand ist eine Population, die sich mit den eigentlichen Ostseeschweinswalen nicht paart, auch weil sich die Verbreitungsgebiete teilweise überlappen“, sagt Michael Dähne, Kurator für Meeressäuger am Deutschen Meeresmuseum in Stralsund.

Der Ostseeschweinswal gilt wegen der grenzwertigen Bestandsgröße nicht nur als streng geschützte, sondern auch als eine auf äußere Faktoren sehr anfällige Population, sagt die Biologin Anja Gallus. Die Forscher wissen nicht, ob vor 100 oder 200 Jahren – und damit vor den menschlichen Einflüssen wie die Jagd, intensive Befischung und Lärm – deutlich mehr Schweinswale durch die zentrale Ostsee schwammen. Dies sei auch nicht relevant, sagt Gallus. „Wir müssen jetzt etwas tun.“ Untersuchungen hätten gezeigt, dass im Durchschnitt das gebärfähige Alter der Population bei rund fünf Jahren liegt, das durchschnittliche Alter der an Stränden oder in Netzen tot gefundenen Tiere bei etwa 4,7 Jahren. Das bedeute, dass ein Großteil der Weibchen nicht ein einziges Mal kalben konnte. Die Forscher sehen Parallelen zum Vaquita, einer im Golf von Kalifornien lebenden Schweinswalart, von der es nur noch 30 Tiere gibt und die inzwischen als „nicht rettbar“ gilt.

Zwei Jahre nach den Sambah-Ergebnissen (Static Acoustic Monitoring of the Baltic Sea Harbour Porpoise) wies Schweden die Midsjöbank als Schweinswal-Schutzgebiet aus, das nicht nur als Paarungsgebiet sondern auch als „Kinderstube“ der Population gilt. Bevor sich die Weibchen einen neuen Partner suchen, bringen sie dort ihrer Kälber zur Welt. „Wir werten die Ausweisung des Schutzgebietes als sehr großen Erfolg“, sagt Gallus. Dennoch fehle es noch an konkreten Schutzmaßnahmen, wie die Einschränkung der Fischerei in besonders sensiblen Monaten.

2017 wurden an der Küste von MV 58 tote Schweinswale gemeldet, etwa so viele wie in den Negativrekordjahren 2007 und 2009, so Dähne. Nur bei wenigen Tiere lasse sich die Todesursache bestimmen. Verletzungen wiesen darauf hin, dass sie oftmals in Stellnetzen verenden. Forscher des Thünen-Instituts für Ostseefischerei arbeiten derzeit an alternativen Fischereimethoden, um Beifang zu verringern.

Fischer in Schleswig-Holstein und Dänemark haben neue akustische Warngeräte getestet, die an den Netzen befestigt werden. Die Geräte namens PAL (Porpoise Alert) senden Signale aus, die den Warnrufen von Schweinswalen ähneln, sagt der Fischereibiologe Christian von Dorrien vom Thünen-Institut für Ostseefischerei. Das Institut hat dort - wo das System zum Einsatz kam - eine Reduzierung der Beifänge um 70 Prozent festgestellt. Naturschützer warnen allerdings, in dem Gerät die Lösung aller Beifangprobleme zu sehen. Die Tiere könnten die Geräusche auf lange Sicht nicht mehr als Gefahr wahrnehmen und dann auf der Jagd nach Fisch in die Netze geraten.

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