Schweinebaron am Pranger

 <strong>Protestkundgebungen </strong><strong>gegen den Bau</strong> der Schweinemastanlage in Alt Tellin gab es etliche. So auch im August 2011.<foto>dpa</foto>
Protestkundgebungen gegen den Bau der Schweinemastanlage in Alt Tellin gab es etliche. So auch im August 2011.dpa

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16. Januar 2013, 10:39 Uhr

Alt Tellin | Es ist schwer zu verstehen. Da wird einem nachweislichen "Schwarzbauer" und industriellen Tiermäster fast jeder Verstoß gegen deutsches Recht nachgesehen, und seine Nachbarn haben kaum eine Chance, ihre gesetzlich verbrieften Ansprüche auf saubere Luft, unversehrten Boden und eine gesunde Umwelt durchzusetzen. Trotzdem passiert es im Tollensetal und an zehn weiteren Standorten in Ostdeutschland. Ausführlich dokumentiert hat diese Missstände Thomas Kasper in einer Reportage für den Westdeutschen Rundfunk ("Die Story: Der Schweinebaron", ARD-Mediathek).

Dem TV-Journalisten ist es sogar gelungen, den niederländischen Agrar-Unternehmer Adriaan Straathof kurz vor die Kamera zu bekommen. Und in dessen Worten findet sich kein Unrechtsbewusstsein. Er erzeuge auch Biogas, sagt Straathof, der sich auf seiner Webseite als er sich als grün eingefärbter Agrarier präsentiert. Er verschweigt aber, dass er an mehreren Standorten keine Genehmigung zum Betrieb einer solchen Anlage besitzt. An etlichen seiner Standorte setzt er sich über geltendes Bau- und Umweltrecht hinweg. Wenn der Schweriner Landwirtschaftsminister, Till Backhaus (SPD), dem WDR-Team gequält in die Kamera sagt: "Ich wollte dieses Unternehmen nie!", so gibt es auch an den Standorten Alt Tellin, Medow und Fahrbinde (Kreis Ludwigslust-Parchim) in Mecklenburg-Vorpommern kaum nachhaltige Maßnahmen der Behörden, gegen Bau- und Umweltverstöße der Straathof-Holding vorzugehen. Im vergangenen Sommer hat sich die Anlage in Alt Tellin in der Nachbarschaft am Grundwasser schadlos gehalten. Carl Hesse aus Neu Plötz ist selbst Landwirt und "Ackernachbar" des holländischen Groß-Agrariers. Auf seine Anfrage bei den Behörden zur hemmungslosen Wasserentnahme für die Schweinemast-Anlage bekam er zur Antwort: Es liege kein Antrag vor im Amt. Trotzdem gibt es seit Sommer mehrere Brunnen. "Ich habe doch auch ein Recht auf Grundwasser unter meinem Acker", klagt der Landwirt. Der Schweriner Landwirtschaftsminister hingegen ist sich sicher, die Wasserentnahme sei mit den Behörden abgestimmt. Es gäbe "Probebohrungen". Der Bürgerini tiative "Leben im Tollensetal" bleibt nur, vorgebliche Wassertransporte zu dokumentieren, die neben dem ungenehmigten Brunnen-Provisorium die Tiere angeblich ausreichend mit Wasser und Molke versorgen. Auf dem Straathof-Gelände selbst gibt es keine Wasserstelle mit ausreichend Flüssigkeit für tausende Muttersauen und ihren Nachwuchs. Drei bis vier Fahrten sollen täglich rollen.

Es gibt so viele Ungereimtheiten bei der ungebremsten Expansion des niederländischen Agrar-Konzerns gen Osten. In seiner Heimat sind Straathof von Behörden und durch Gesetze klare Grenzen gesetzt worden. In Deutschland hat er eine offenbar funktionierende Strategie für die Firmenentwicklung umgesetzt. In Sachsen-Anhalt kaufte er marode LPG-Ställe und erweiterte sie mit ungenehmigten Bauten. Vor der Kamera räumt Adriaan Straathof ein, vielleicht ein Prozent "schwarz" gebaut zu haben. Wenn man dazu die verhängten Strafen in Höhe von sieben Millionen Euro setzt, bekommt man eine Vorstellung von den Dimensionen in der Welt des Industrie-Mästers und von der größten Schweineproduktion des Kontinents, die im Tollensetal wächst. Heraus kommen soll Billig-Fleisch, das den unersättlichen Hunger auch der Deutschen nach Steak und Mett stillen soll. Laut dem "Fleischatlas" der Heinrich Böll Stiftung und des BUND verspeist der Durchschnittsdeutsche in seinem Leben 46 Schweine.

Für eine Wende in der Agrarpolitik wollen am kommenden Sonnabend Tausende in Berlin auf die Straße gehen. Immer mehr Menschen fordern "Gutes Essen und gute Landwirtschaft". Bei Ferkelproduzent Straathof sind mehr als Zweifel angebracht. Auch wenn er nicht müde wird, zu bekunden, mit "Leidenschaft für Ferkel" zu züchten.

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