Müritz-Nationalpark : Schweigen und genießen

Martin Kaiser genießt jede freie Minute in „seinem“ Nationalpark. Gern auch per Boot.
Martin Kaiser genießt jede freie Minute in „seinem“ Nationalpark. Gern auch per Boot.

Welterbebuchen, Weltklasseseen und Weltenbummlervögel – all das lässt sich perfekt erleben an einem Tag im Müritz-Nationalpark

svz.de von
26. September 2017, 11:55 Uhr

Punkt 10 Uhr in Kratzeburg-Granzin. An diesem Morgen sind wir die Ersten, die bei Kormoran Kanutouring ein Boot besteigen und Kurs nehmen auf die Wasserlandschaft des Müritz-Nationalparks. Beziehungsweise eines klitzekleinen Teils davon. Martin Kaiser, der sich im Park um die Infrastruktur kümmert, steuert den Canadier zunächst auf den Granziner See, in dem sich bei null Wind und Sonne satt weiße Wölkchen ganz allerliebst im glasklaren Wasser spiegeln. Dann wird es kurzzeitig duster: Die Verbindung zum Käbelicksee gleicht einem romantischen Spreewaldfließ. Mit dichtem Spalier aus Schwarzerlen, mit Brückenröhre inklusive Fischotter-Laufsteg und mit weit übers Wasser ragendem Geäst, das manchmal nur bootsbreit Durchfahrt gewährt.

Auf dem Käbelicksee – eine weitere Wasserperle mit zwei idyllischen Inselchen – berichtet der Experte von See- und Fischadlern, von denen jeweils gut ein Dutzend Paare im Nationalpark brüten. Schwärmt von den „Vögeln des Glücks“, die wir später noch reichlich sehen werden. Erzählt von Milanen, Haubentauchern, Rohrdommeln, Eisvögeln und diversem anderen Feder- und Fellgetier, das in den streng geschützten Gewässern, Wäldern und Mooren des Nationalparks ideale Lebensräume vorfindet. Der Rest ist Paddeln, Schweigen und Genießen.

13 Uhr, Serrahn. Im östlichen Teil des Nationalparks wandern wir zum offiziell größten Schatz der Region. Seit 2011 gehören fünf deutsche Waldgebiete zum Welterbe der Menschheit und genießen damit den gleichen herausragenden Status wie der Yellowstone-Nationalpark, die Victoriafälle oder Darwins Galápagos-Arche. Die Unesco würdigte damit den außergewöhnlichen und universellen Wert der „Alten Buchenwälder Deutschlands“ – als Ökosysteme, „die das Erscheinungsbild eines ganzen Kontinents in weltweit einzigartiger Weise geprägt haben.“

Auch der Buchenwald von Serrahn ist so ein einmaliger Lebensraum für Pflanzen, Vögel, Kleinsäuger und Insekten – die Zahl allein der Käferarten in Buchenwäldern wird auf mehrere Hundert geschätzt. In alten Baumriesen und abgestorbenen Totholzstämmen wohnen Rote-Liste-Sorgenkinder wie die Mopsfledermaus, Käfer-Notfälle wie der Eremit, Schmarotzer-Pilze wie der Buchen-Schleimrübling.
Auf dem „Wald-Erlebnis-Pfad“ pirschen wir uns heran an den Schatz. Passieren Adlerausguck, Kesselmoor und den ebenso verwunschenen wie märchenhaften Schweingartensee. Wir hören in der Lauschecke – einem ausgehöhlten Baumstumpf – tief in uns und die Natur hinein. Blicken von der Waldhängematte nackenschonend und kontemplativ in die Baumwipfel. Sehen Pilze an Bäumen, blühende Moorpflanzen und Frösche, die über den Waldweg hopsen.

Nach fünf Kilometern haben wir den Rand des Welterbes erreicht – Buchen über Buchen, die mit allerlei raffinierten Tricks dafür sorgen, dass Kiefern, Birken und Eichen neben und unter ihnen keine Überlebenschance haben. Sehr tief hinein freilich geht es nicht, „dass wäre in dem kuppigen und unübersichtlichen Gelände schlicht zu gefährlich“, betont Martin Kaiser mit Nachdruck.

18 Uhr, Federow bei Waren. Wie fast jeden Abend im Herbst hat sich auch heute ein Grüppchen an der Nationalpark-Info eingefunden, das scharf ist auf ein besonderes Schauspiel. Showbühne ist der zwei Kilometer entfernte und gänzlich von Wald- und Schilfgürteln um-schlossene Rederang-See, die Zuschauer-Loge ein großer überdachter Ausguck mit freier Sicht nach vorn. Dann heißt es warten und schweigen, schweigen und warten. Keiner redet, keiner telefoniert – allein diese langen Minuten unverhoffter Stille und tiefen Friedens in reinster Natur sind das Vergnügen schon wert. Das ändert sich erst, als die Hauptdarsteller peu à peu einfliegen und sich schon lautstark ankündigen, bevor sie ins Blickfeld geraten. In der Dämmerung, zwischen 19 und 20 Uhr, schwebt Kranichstaffel um Kranichstaffel ein – mal in kleiner Schar, mal in großer Formation, mal in tanzen-der Kette, mal als perfekter Keil – immer kräftig trompetend und spektakelnd. Ein tolles Naturschauspiel, das von Ende September bis Mitte Oktober sein fulminantes Finale erlebt. Dann tanken hier um die 10 000 Kraniche auf für den Weiterflug gen Süden und machen Mega-Rabatz – optisch und akustisch.
 

Informationen zum Müritz-Nationalpark

Programme und Aktivitäten (Auswahl):
Adler-Safari, Vogelstimmenwanderung, Wildpflanzen-Zauber, Kranichbeobachtung, geführte Rad- und Wandertouren

www.nationalpark-service.de
www.kormoran-kanutouring.de
Tourismusverband Mecklenburgische Seenplatte, 039931 5380,
Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern, 0381 4030500I
www.mueritz-nationalpark.de
www.mecklenburgische-seenplatte.de
www.auf-nach-mv.de

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