Landesgeschichte von MV : Schwedenköpfe und Schachfiguren

1  Aus diesem Zinnkrug aus dem 16. Jahrhundert, auch Stob genannt, tranken die Lohgerber, wenn sie Mitglieder aufnahmen oder Feste feierten.  Die Lohgerber verarbeiteten vor allem Rinderhäute. Der Stob gehört dem  Kulturhistorisches Museum Rostock.
2  Christkind mit Flitterkrone aus dem Staatlichen Museum Schwerin. Die Statuette gehört zu den um 1500 serienweise in Brabant geschnitzten lächelnden und segnenden nackten Christkindern. Dergleichen Andachtsbilder waren vorwiegend für Frauenklöster und zum Bekleiden bestimmt.
3 Die als „Schwedenköpfe“ bekannten Herkulesbüsten schmückten früher Schiffe. Sie gehören dem Stadtgeschichtlichen Museum in Wismar. 
4 Die Rotlichtbestrahlungslampe von 1961 aus dem Bädermuseum Bad Doberan dokumentiert Forschung und Wissenschaft ebenso wie die Lebensweise der Mecklenburger.  (von links nach rechts)
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1 Aus diesem Zinnkrug aus dem 16. Jahrhundert, auch Stob genannt, tranken die Lohgerber, wenn sie Mitglieder aufnahmen oder Feste feierten. Die Lohgerber verarbeiteten vor allem Rinderhäute. Der Stob gehört dem Kulturhistorisches Museum Rostock. 2 Christkind mit Flitterkrone aus dem Staatlichen Museum Schwerin. Die Statuette gehört zu den um 1500 serienweise in Brabant geschnitzten lächelnden und segnenden nackten Christkindern. Dergleichen Andachtsbilder waren vorwiegend für Frauenklöster und zum Bekleiden bestimmt. 3 Die als „Schwedenköpfe“ bekannten Herkulesbüsten schmückten früher Schiffe. Sie gehören dem Stadtgeschichtlichen Museum in Wismar. 4 Die Rotlichtbestrahlungslampe von 1961 aus dem Bädermuseum Bad Doberan dokumentiert Forschung und Wissenschaft ebenso wie die Lebensweise der Mecklenburger.  (von links nach rechts)

Morgen wird das Virtuelle Landesmuseum Mecklenburgs im Internet freigeschaltet

svz.de von
03. Dezember 2014, 11:55 Uhr

Wolf Karge hat einen Liebling. Es ist der kleine hockende Gott aus dem Archäologischen Freilichtmuseum Groß Raden. „Er ruht in sich und denkt nach, vielleicht über das Leben“, sagt der Schweriner Historiker. Wie die kleine Gottheit heißt, weiß Karge allerdings nicht. Aber wie die 1000 Jahre alte Bronzefigur hat auch Karge in den vergangenen Jahren viel sinniert. Er durfte entscheiden, was im ersten Landesmuseum Mecklenburgs ausgestellt wird. Dafür wurde kein Neubau errichtet und kein historisches Gebäude leer geräumt. In das Museum kommen die Besucher nur via Internet mit Hilfe ihres Computers hinein. Morgen wird es eröffnet.

Karge ist ein erfahrener Museumsmann. Er leitete das Kulturhistorische Museum in Rostock und später das Technische Landesmuseum Schwerin. Als Vorsitzender des Museumsverbandes hatte er Einblick in die Arbeit vieler seiner Kollegen. Und nun sollte er ein Museum gestalten außerhalb der Welt der realen Dinge?

Eine Herausforderung, die sich gelohnt hat. Denn in einem realen Museum kommt der Besucher nur selten so nah heran an die Ausstellungsstücke wie im virtuellen Raum. Man kann sie aus 24 Blickwinkeln betrachten. Auf gestochen scharfen Bildern die Details heranzoomen, die hinter spiegelndem Glas mancher Museumsvitrinen unentdeckt bleiben.

Wie zum Beispiel die Mandelaugen des kleinen slawischen Gottes . Das alles ist möglich ohne Gedrängel.

Vor drei Jahren wurde Karge von der Stiftung Mecklenburg und dem Museumsverband MV mit der Aufgabe betraut. Er erfand Raster, nach denen die Exponate ausgesucht werden sollten. Schließlich sollen sie die Landesgeschichte von der Steinzeit bis zum Jahr 2000 repräsentieren – aus den Bereichen Politik, Wissenschaft und Wirtschaft. Lebensweise, Religion und Kultur sind weitere Überschriften, unter denen Karge die Objekte einordnete.

28 Museen Mecklenburg-Vorpommerns suchten ihre besten Stücke aus und ließen sie rundum fotografieren, um Karges Raster zu füllen. Natürlich wurde viel diskutiert, manche Befindlichkeit musste ausgeräumt werden. Einige Museumsleiter befürchteten, dem realen Museum könnten Besucher verloren gehen. Karge hingegen glaubt, das Virtuelle Landesmuseum sei eine hervorragende Werbung für Museen.

Unterdessen entdeckte nicht nur der Fachmann Karge noch so manche Kostbarkeit, die in den Museen schlummerte. Hinzugelernt hat Karge auch. „Die ,Schwedenköpfe‘ aus Wismar schmückten nicht nur alte Schiffe. Nach ihnen wurde um 1800 auch eine Frisur benannt.“ Deshalb wurden die bunten Holzskulpturen nicht nur in die Rubrik Politik, sondern auch unter ,Lebensweise‘ eingeordnet.

Der virtuelle Besucher kann sich das edle Porzellan des Berliner Tafelaufsatzes, den der preußische Thronfolger Friedrich Wilhelm III. der Strelitzer Prinzessin Luise zur Hochzeit schenkte, genauso anschauen wie eine unscheinbare Brille mit Lederfassung, die vor 500 Jahren einer Nonne gehörte. Er kann einen Schleudersitz aus den Rostocker Heinkel-Werken studieren und den Messzirkel, mit dem während der Bodenreform 1946 die Parzellen aufgeteilt wurden. Schiffsmodelle sind ebenso vertreten wie Schachfiguren, Soldatenhelme und Salzscheffel.

Nur verlaufen kann er sich in diesem Museum nicht. Trotz seiner Fülle bildet das Virtuelle Landesmuseum nicht
die komplette Geschichte des Landes ab, betont Karge. Schließlich war es Zufall, was die Museen über die Jahre sammelten. So bleibt es Aufgabe der Historiker, die Landesgeschichte zu vervollständigen. Vielleicht finden sie auch heraus, wie der kleine Götze heißt, der sich so nachdenklich den Bart krault.

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