Kirchenasyl : Schutz in Gottes Namen

Dem Flüchtling Kinena (vorne) droht die Abschiebung nach Italien. Das will die evangelische Kirche in Bad Doberan verhindern. Hannes Roggelin betreut ihn und spricht mit den Behörden.
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Dem Flüchtling Kinena (vorne) droht die Abschiebung nach Italien. Das will die evangelische Kirche in Bad Doberan verhindern. Hannes Roggelin betreut ihn und spricht mit den Behörden.

Die evangelische Gemeinde in Bad Doberan gewährt dem Flüchtling Kinena Asyl / Kirchen bewegen sich dabei in einer rechtlichen Grauzone

svz.de von
08. April 2015, 08:00 Uhr

Zweimal ging gerade noch alles gut. Zweimal sitzt Kinena (Name geändert) am Flughafen Berlin in Abschiebehaft. Zweimal wartet das Flugzeug Richtung Italien, und zweimal hebt es ohne ihn ab. Die Bundesrepublik will ihn loswerden, Überstellung heißt das. Aber sind wirklich alle guten Dinge drei?

Am 27. Januar 2012 verlässt der 26-Jährige seine Heimat Eritrea. Im November 2014 gewährt ihm die evangelische Gemeinde Bad Doberan Kirchenasyl. Wie konnte es soweit kommen?

Kinena ist ein schmaler Mann mit freundlichem Lächeln. Der graue Kapuzenpullover ist ein bisschen zu groß, die weiße Sohle seiner Schuhe blitzblank. Die Sachen sind gespendet. Kinena hat nicht viel mitgenommen, als er von Zuhause floh. Zuhause, das war eine Hafenstadt im Süden Eritreas. Hier lebte der 26-Jährige ein ganz normales Leben. Er machte eine Ausbildung zum Automechaniker und büffelte parallel fürs Abitur. Doch Eritrea ist kein freies Land. Präsident Isaias Afwerki regiert mit eiserner Hand. Die Menschen können nicht frei reisen, sie können nicht frei wählen, sie können nicht frei ihre Meinung sagen. Kaum ein Land in Afrika ist so abgeschottet von der Außenwelt. Der Beiname „Nordkorea Afrikas“ kommt nicht von ungefähr.

Wer will so leben?

Weil auch der Job vom Staat bestimmt wird, muss Kinena in einer Zementfabrik arbeiten. „Wenn man sich weigert, kommt man ins Gefängnis“, erzählt er. Viele wollen dieser Gängelei entkommen und einige bezahlen die waghalsige Flucht mit ihrem Leben. Seiner Familie erzählt Kinena nicht, dass er abhauen will. „Das war viel zu gefährlich“, sagt er. „Außerdem hätten sie sich Sorgen gemacht.“ Erst als er schon zwei Wochen unterwegs ist, ruft er seine Mutter an und erzählt von seinen Plänen.
Für seine Flucht heuert Kinena Schleuser an. Sie kassieren 3600 Dollar, um ihn illegal über Grenzen zu lotsen und dabei Polizisten zu schmieren. Um die Summe zusammenzubekommen, verkauft er Zement auf dem Schwarzmarkt und Schmuck seiner Schwester. Zwischendurch geht ihm das Geld aus und er borgt sich etwas von Freunden. Zu Fuß, mit Auto und Bus schlägt er sich bis Libyen durch. Ohne genug Wasser und Essen tuckert er zwei Tage in einem dieser schrottreifen, überfüllten Boote übers Mittelmeer. Anderthalb Jahre dauert seine Odyssee, als endlich das Ziel auftaucht: Europa.

Kurz bevor das Boot den Hafen in Sizilien erreicht, springt Kinena ins Meer. „Ich wollte nicht von der italienischen Polizei geschnappt werden“, erzählt er. Mit nassen Sachen am Leib, hungrig und müde irrt er umher, bis die Polizei ihn schließlich doch findet. Die Beamten wollen seine Fingerabdrücke nehmen, doch Kinena weigert sich. In einem Lager wird er mit anderen Flüchtlingen zusammengepfercht und geschlagen. Irgendwann gibt er seinen Widerstand auf – und das ist das Problem.

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) vertritt die Ansicht, ein Fingerabdruck in Italien ist ein Asylantrag in Italien. „Ist es nicht“, sagt Hannes Roggelin. Er kümmert sich in Bad Doberan um die Flüchtlinge. Er versorgt sie, erklärt ihnen wie es weitergeht und spricht mit den Behörden. „Kinena hat in Italien keinen Antrag gestellt und er wollte das auch nie“, sagt Roggelin. Mit Gewalt sei er dazu genötigt worden, das hätte nichts mit einem Asylantrag zu tun.

„Das Schlimmste ist, dass der Mensch in diesem Verfahren gar nicht betrachtet wird“, sagt Roggelin. Es gehe um Paragraphen und Verordnungen, nicht um Schicksale und Träume.

Kinena wurde von einer Hilfsorganisation an Hannes Roggelin vermittelt. Im November entschied der Kirchgemeinderat, dem 26-Jährigen Asyl zu gewähren. In Bad Doberan haben sie nicht lange überlegt, ob sie ihre Kirchentür für Flüchtlinge öffnen. „Die Jungs werden als Bereicherung aufgefasst“, sagt Pastor Albrecht Jax. „Sie bringen sich ein, engagieren sich ehrenamtlich.“ Nun hilft Kinena, der Flüchtling aus Afrika, in der Suppenküche Armen und Bedürftigen. Das Kirchenasyl sei kein Gefängnis, sagt Pastor Jax. Kinena muss nicht in seinem Zimmer ausharren, er kann sich frei bewegen. Er geht raus, erkundet Bad Doberan und ab und zu fährt er in die Moschee nach Rostock.

Aber die Kirchen bewegen sich in einer Grauzone. Es gibt keine rechtliche Regelung für das Kirchenasyl. Bislang akzeptiert der Staat die besondere Stellung der Kirchen, die wiederum auf ihre Verant-wortung für Menschen in Not und ihr Verständnis von Nächstenliebe verweisen. Niemand soll in ein Land abgeschoben werden, in dem ein menschenwürdiges Leben unmöglich erscheint.

„Das Kirchenasyl soll Ruhe bringen“, sagt Hannes Roggelin. Man will noch einmal alle Argumente abwägen, die gegen eine Rückführung und für einen Verbleib in Deutschland sprechen. In Kinenas Fall laufen Gespräche mit dem BAMF. „Aber das Bundesamt zieht die Daumenschrauben an“, sagt Roggelin. So genannte Dublin-Fälle, wie Kinena einer ist, werden schneller wieder zurückgeschickt. Die Dublin-Verordnung besagt, dass Flüchtlinge dort einen Asylantrag stellen müssen, wo sie das erste Mal in die EU eingereist sind (siehe unten). „Das ist unstrittig“, sagt Hannes Roggelin. Nur steht Italien wegen der zum Teil katastrophalen Versorgung von Asylsuchenden heftig in der Kritik. Eine Rückführung an die Adriaküste sei deshalb unmöglich, sagen sie in Bad Doberan.

Spätestens im Herbst fällt eine Entscheidung in Kinenas Fall. Dann ist die Frist abgelaufen, in der er nach Italien zurückgeschickt werden kann und er darf einen Asylantrag in der Bundesrepublik stellen. Damit wird seine Abschiebung nach Eritrea zumindest unwahrscheinlicher. Denn jeden, der flieht, betrachtet das autoritäre Regime als Verbrecher. Denen droht im besten Fall das Gefängnis. Im schlimmsten die Todesstrafe.



 

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