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Mecklenburg-Vorpommern

25. November 2017 | 09:10 Uhr

Schulfahrt in die Katastrophe

vom

svz.de von
erstellt am 14.Mär.2012 | 07:07 Uhr

Brüssel | Ein zerfetzter Bus, Kinderkleider auf der Fahrbahn, Helfer mit Tränen in den Augen: "D-Day!!!! Wir können verreisen." Mit diesem Eintrag im Internet hatten sich die Kinder aus Lommel und Heverlee in Belgien am 5. März in die Skiferien verabschiedet. Noch am Montag hatten sich die Schüler per Online-Reisetagebuch aus ihren "Superferien" gemeldet. "Jawohl, liebe Daheimgebliebene, wir sind schon fast am Ende. Morgen ist schon der letzte Tag ..." Doch mindestens 22 von ihnen kommen nicht wieder. Sie sind bei einem schweren Busunglück in einem Schweizer Autobahntunnel gestorben - insgesamt 28 Menschen. Im Unfallfahrzeug saßen zwei Schulklassen aus Belgien, die auf der Heimfahrt aus der Skiregion Val dAnniviers waren - Katastrophe im Alpentunnel.

Der Bus mit 52 Insassen krachte am Dienstagabend in einer Tunnelröhre der A9 bei Siders im Wallis gegen eine Wand. Dabei starben auch die beiden Busfahrer sowie vier weitere Erwachsene. 24 Kinder erlitten laut Polizei Verletzungen. Nach belgischen Angaben waren auch ein Deutscher und ein Pole in dem Unglücksfahrzeug.

An der Unfallstelle ein Bild des Schreckens: Der vordere Teil des gelb-roten Reisebusses wurde bei dem Aufprall zerfetzt. Auf der Fahrbahn lagen Kleider der Kinder - die meist um die zwölf Jahre alt.

Vor der Grundschule in Lommel an der niederländischen Grenze herrscht am Morgen nach dem Unfall eine furchtbare Stille. Weiträumig hat die Polizei das Gelände abgesperrt. Ab und zu sieht man Eltern, Lehrer, Angehörige vorfahren, weinend, gestützt, gebrochen. Vor der Sint Lambertus-Schule bittet Schulpfarrer Dirk De Gent um Verständnis: "Bitte lassen Sie die Eltern in Ruhe. Wir wissen doch selbst noch kaum, was passiert ist. Auch zwei unserer Lehrer sind unter den Toten. Wir können nur warten und Trost spenden."

Gegen zehn Uhr werden die Angehörigen mit einem Bus abgeholt und zum Luftwaffenstützpunkt Melsbroek gefahren. König Albert II. und Königin Paola sind auch gekommen. Sie umarmen, die Eltern, schütteln Hände. "Ich bin unendlich erschüttert", erklärt der Monarch später unter Tränen. "Ganz Belgien fühlt mit den Familien und Hinterbliebenen." Kurz darauf starten die Angehörigen der Opfer und der Verletzten mit zwei Maschinen der Luftwaffe in die Schweiz. Drei Tage können sie dort bleiben. "Es muss sich furchtbar anfühlen, jetzt in diesem Flugzeug zu sitzen", sagt eine Frau, die neben mir steht und weint, als ob es ihre eigenen Kinder wären, die in dem Todesbus ums Leben kamen.

"Wir wissen nicht, wie das passieren konnte", berichtet Melchior Wathelet vom belgischen Innenministerium später. Bei dem Bus des Unternehmens Top Tours aus Aarschot bei Brüssel habe es sich um ein "Fahrzeug der neuesten Generation mit allen empfohlenen Sicherheitseinrichtungen" gehandelt. Der Betrieb unterhalte 14 Busse, alle Fahrer seien für die Reisen in die Alpen besonders ausgebildet worden. "Auch die Fahrzeiten wurden eingehalten". Übermüdung dürfte als Unfallursache ausscheiden, da der Reisebus erst am Vortag in der Schweiz angekommen sei. Was sich exakt am Dienstag gegen 21.15 Uhr in dem knapp 2,5 Kilometer langen Tunnel abspielte, war zunächst unklar. Ersten Ermittlungen zufolge streifte der Reisebus einen Bordstein in der Tunnelröhre und wurde gegen eine Nothaltestelle an der Wand geschleudert.

In dem kleinen Ort Heverlee herrscht an diesem Morgen Totenstille. Vereinzelt hängen schwarze Fahnen aus Fenstern. "Man weigert sich zu glauben, dass so viele Kinder einfach nicht mehr da sind", sagt ein Geschäftsinhaber. Er habe einige der Kinder gekannt. Sie kamen morgens, um ein Pausenbrot zu kaufen. Mehr kann er nicht sagen. Er weint.


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