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Lern- und Verhaltensschwierigkeiten : Schulen fehlen Psychologen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Das Ausmaß, das Attacken gegen Schüler und Lehrer annehme, sei erschreckend hoch - jedes fünfte Kind mit Auffälligkeiten

Lern- und Verhaltensschwierigkeiten, Streit, Ängste und Gewalt an Schulen – um die Sorgen und Konflikte von Schülern und Lehrern kümmern sich Schulpsychologen. Doch die wenigen Experten sehen sich bundesweit mit immer mehr und größeren Problemfällen konfrontiert, wie eine Umfrage ergab.

„Deutschland hat die schlechteste Versorgung mit Schulpsychologen in Europa“, erklärte Klaus Seifried vom Bundesverband Deutscher Psychologen in Berlin. Dabei liege Mecklenburg-Vorpommern im Bundesschnitt noch im oberen Drittel. Hier komme ein Psychologe auf durchschnittlich 15 Schulen, teilte der Verband mit. Zum Alltagsgeschäft der Schulpsychologen in Mecklenburg-Vorpommern gehören unter anderem Kriseninterventionen bei Gewalt- oder Mobbingvorfällen, wie ein Sprecher des Bildungsministeriums in Schwerin erklärte. Aktuell verfüge der Schulpsychologische Dienst des Landes über 21 Vollzeitstellen, die bei den Schulämtern Schwerin, Rostock, Neubrandenburg und Greifswald angesiedelt sind. Statistisch kommt ein Psychologe auf mehr als 6500 Schüler und mindestens 500 Lehrer. Zum Vergleich: In Niedersachsen, dem Schlusslicht bundesweit, gibt es 71 Schulpsychologen – das ist ein Ansprechpartner für über 16 000 Schüler und 1100 Lehrer. 

Die Zahl der Schulpsychologen im nordostdeutschen Flächenland reiche bei weitem nicht aus, meint Evelyn Fuchs vom Schulamt Greifswald. Zu viel Arbeitszeit würde für die oft weiten Wege zu den Schulen draufgehen. „Wir verfahren die meiste Zeit“, meinte Fuchs. Dabei werde die Aufgabenliste immer länger. „Wir bräuchten viel mehr Zeit, um Kinder zu begleiten.“ Außerschulisch gebe es in ländlichen Regionen kaum Möglichkeiten für Therapien, weil es an Kinder- und Jugendpsychiatern fehle und die Wartelisten für eine längerfristige Betreuung lang seien.

Nach Ansicht der Greifswalder Schulpsychologin haben die Probleme an den Bildungseinrichtungen in den letzten Jahren zugenommen. Das Ausmaß, das Attacken gegen Schüler und Lehrer annehme, sei erschreckend hoch. Schimpfen und Schubsen waren gestern, heute würde übel beleidigt, geschlagen und getreten. Hinzu kämen immer mehr Fälle von Mobbing im Internet. Ursachen seien unter anderem Überforderung, zu hoher Erwartungsdruck von Eltern sowie eine eher geringe „Frustrationstoleranz“ – die Fähigkeit, Konflikte auszuhalten sowie besonnen und gewaltfrei zu lösen.  Jugendliche würden Gewalt- und Sexszenen aus dem Netz laden und auf dem Schulhof herumzeigen, schilderte Fuchs. Alkoholexzesse, Selbstverletzungen wie „Ritzen“ bis hin zu Suizid-Androhungen nähmen unter Schülern zu. Nach einer Studie des Robert-Koch-Instituts entwickeln in Deutschland etwa ein Fünftel der Kinder und Jugendlichen im Laufe ihrer Schulzeit psychische Auffälligkeiten, wie der Bundesverband mitteilte.

Angesichts der Problemfülle setzen Mecklenburg-Vorpommerns Schulpsychologen zunehmend auf klassen- oder gruppenbezogene Intervention und Beratung, wie Evelyn Fuchs erläuterte. Teamarbeit bei der Bewältigung psychosozialer Probleme sei effektiver als nur Einzelgespräche, betonte sie.

Einbezogen würden auch Lehrer und Schulsozialarbeiter. Deren Kompetenzen müssten unbedingt gestärkt werden, erklärte Fuchs. Für Stressabbau und Gesundheitsvorsorge bei Pädagogen läuft derzeit ein Umfrage- und Beratungsprogramm des Schulpsychologischen Dienstes. 38 Schulen nehmen derzeit daran teil.

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