Sandsturm-Prozess : Schuldig, aber straflos

130 Menschen wurden bei der Massenkarambolage auf der A19 in der Nähe von Rostock verletzt.
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130 Menschen wurden bei der Massenkarambolage auf der A19 in der Nähe von Rostock verletzt.

Amtsrichter spricht nach dem Tod zweier Autofahrer „salomonisches Urteil“

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08. Juli 2015, 21:00 Uhr

Am Ende bemühte sich die Angeklagte, mit dem Urteil klar zu kommen. Es sei milder als erwartet ausgefallen, räumte Kirsten E. ein, „das muss man dem Gericht zugute halten“. Statt neun Monaten Gefängnis auf Bewährung, wie es die Staatsanwaltschaft gefordert hatte, kam die Pflegedienstleiterin heute im Rostocker Sandsturm-Prozess mit einer Verwarnung davon. Eine Geldstrafe von 9000 Euro wurde zur Bewährung ausgesetzt. Dabei hatte Richter Ralf Schröder die Pflegedienstleiterin aus Eisenhüttenstadt wegen fahrlässiger Tötung schuldig gesprochen. Kirsten E. habe während der Massenkarambolage in einer Sandwolke auf der Autobahn A 19 bei Rostock im April 2011 durch einen Auffahrunfall eine verhängnisvolle Kausalkette ausgelöst. An dessen Ende verbrannte ein Ehepaar in seinem Auto.

Straflos, aber schuldig – Kirsten E. hatte dies vermeintliche Paradox noch nicht verinnerlicht, als die Staatsanwältin von einem „salomonischen Urteil“ sprach, mit dem sie gut leben kann. Seit Januar waren zahllose Zeugen und Gutachter gehört worden, um aufzuarbeiten, was an jenem 8. April geschah. Bei sonst klarem Wetter verunglückten auf beiden Fahrspuren mehr als 80 Fahrzeuge, weil Westwind vom angrenzenden Feld in dichten Schwaden Sand über die Autobahn blies. Nachdem ein Feuer ausbrach, starben acht Menschen in ihren Autos. Darunter waren auch der 60-jährige Mann aus Neuruppin und seine 45jährige Ehefrau, für deren Tod Kirsten E. mitverantwortlich ist.

Zu Beginn des Prozesses war Kirsten E. weit davon entfernt, bei sich eine Mitschuld zu sehen. Mit fünf Freundinnen war sie in ihrem Kleinbus auf dem Weg an die Ostsee. Sie sei keineswegs zu schnell gefahren, und habe die Sandwolke nicht gesehen. „Die Wand war von jetzt auf gleich da“, beteuerte sie. Ähnliches berichteten andere Autofahrer, die in die Massenkarambolage verwickelt waren.

Schröder glaubte hingegen drei Gutachtern, laut denen die Sandwolke 650 Meter vorher zu sehen war. Entweder, so Schröder, habe Kirsten E. nicht nach vorne geschaut oder sie sei sehenden Auges in die Unfälle hineingefahren, die längst passiert waren. Sie hätte sich darauf einstellen müssen, dass in der Wolke wie bei plötzlichem Nebel die Sicht „gleich Null“ sein könnte. Überzeugend fand Schröder auch, wie die Gutachter den Massenunfall rekonstruierten. Anhand der Schäden und der letzten Positionen errechneten sie die Kollisionspunkte und -geschwindigkeiten. Am Ende stand fest, dass Kirsten E. den Kleinwagen vor ihr auf der rechten Spur mit großer Wucht rammte. Dieser schoss an die Mittelleitplanke, wurde von zwei weiteren Wagen gerammt und eingeklemmt. An einem der letzten Prozesstage hatte Kirsten E. vorsichtig eingeräumt, dass es so gewesen sein könnte.

Richter Schröder hielt ihr zugute, dass sie selbst bei einem weiteren Unfall schwer verletzt wurde. Auch müsse Kirsten E. mit dem für beide Seiten tragischen Ausgang leben. Außerdem sei sie nicht allein verantwortlich für den Tod des Ehepaares. Letztlich habe es sich bei dem Sandsturm um ein außergewöhnliches Ereignis gehandelt. Darum sei „eine Strafe entbehrlich“. Ursprünglich hatte die Staatsanwaltschaft bei sechs Todesfällen vier Beschuldigten Strafbefehle wegen fahrlässiger Tötung geschickt. Außer Kirsten E. nahm ein Lkw-Fahrer diese Art der Schuldzuweisung nicht hin. Sein Prozess beginnt im Spätsommer. Die Ursachen für den Tod der Opfer Nummer sieben und acht konnte nicht geklärt werden. Die Ermittlungen sind längst eingestellt.

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