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Studie: Betroffene verzichten aus Kostengründen auf Behandlung : Schulden machen Menschen krank

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Hohe Schulden machen Menschen in Mecklenburg-Vorpommern krank und behindern die Genesung. Wer überschuldet ist, hat in einzelnen Fällen sogar ein mehrfach größeres Risiko, an bestimmten Krankheiten zu leiden.

Schwerin | Hohe Schulden machen Menschen in Mecklenburg-Vorpommern krank und behindern die Genesung. Das ist die Kernthese einer Studie der Universität Mainz. Wer überschuldet ist, habe "in einzelnen Fällen sogar ein mehrfach größeres Risiko, an bestimmten Krankheiten zu leiden", so Eva Münster, Professorin für Sozialmedizin. "Das ist alarmierend."

Zwar führten auch schwere Krankheiten zur Armut, wenn die Betroffenen nicht versichert waren. Aber vor allem Arbeitslosigkeit, dauerhaft niedriges Einkommen oder eine Scheidung hat die meisten Teilnehmer der Studie in drängende Geldnöte gebracht. In der Regel werden sie ihre Schulden im fünfstelligen Eurobereich auf mehrere Jahre nicht zurückzahlen können. 283 Frauen und Männer aus Mecklenburg-Vorpommern im Alter zwischen 19 und 75 Jahren hatten anonym Fragebögen ausgefüllt, die von den Schuldnerberatungsstellen ausgegeben wurden. 70 Prozent von ihnen war krank. Die meisten litten an psychischen Problemen, an Gelenk- und Rückenschmerzen und an Bluthochdruck - und zwar deutlich häufiger als der Durchschnitt der Bevölkerung. So führen beispielsweise oft Stress und Zukunftsangst nicht nur zu Schlaflosigkeit oder Depressionen, sondern auch zu konkreten Krankheiten.

Neben der Krankheit bauen sich dann monetäre Hürden auf dem Weg zur Gesundheit auf. Fast die Hälfte der Befragten gab an, nicht zum Arzt gegangen zu sein, weil sie meinten, sich die zehn Euro Selbstbeteiligung, die jeder Patient im Vierteljahr bezahlen muss, nicht leisten zu können. Wer zum Arzt geht, spart dann aber häufig an der Medizin. Viele Studienteilnehmer haben nach eigenen Angaben aus vermeintlichem Geldmangel die Rezepte für die vom Arzt verschriebenen Pillen oder Salben nicht bei der Apotheke eingelöst. So verlängerten sich Krankheitszeiten, führten schlimmstenfalls zu dauerhaften Beeinträchtigungen.

Professorin Münster warb deshalb für zwei Dinge: Einerseits müssten die Betroffenen besser über ihre Rechte aufgeklärt werden. "Viele überschuldete Menschen wissen nicht, dass sie sich von der Zuzahlung für Medikamente und von den vierteljährlichen zehn Euro für den Arztbesuch befreien lassen können." Auch manche Vorsorgeuntersuchungen und die Behandlungen der Kinder seien umsonst. Das erfordere allerdings einigen bürokratischen Aufwand bei der Krankenkasse.

Münster forderte zudem, Ärzte stärker für die möglichen Krankheitsursachen armer Patienten zu sensibilisieren. Für die Überschuldeten sei es wichtig, mit ihrem Arzt aber auch mit ihren Freunden und Nachbarn über ihre Situation zu sprechen. "Sie müssen sich öffnen." Völlig falsch wäre es, sich mit seinen Problemen einzuigeln oder gar zu versuchen, sich selbst zu heilen.

Außerdem riet die Professorin für Sozialmedizin zu vorbeugenden Maßnahmen. Bedauerlicherweise würden allerdings weder die Krankenkassen noch die Landesregierung derzeit spezielle, auf überschuldete Männer und Frauen zugeschnittene Präventionskurse bezahlen.

Siegfried Jürgensen von der Landesarbeitsgemeinschaft der Schuldnerberatungsstellen sagte, seine Mitarbeiter könnten dies nicht leisten, da sie wegen der großen Nachfrage nicht genug Zeit hätten. Nach bundesweiten Erhebungen sind knapp zehn Prozent der Erwachsenen in Mecklenburg-Vorpommern überschuldet. Die Landesarbeitsgemeinschaft sieht den Anteil der Überschuldeten sogar bei 17 Prozent. Im vergangenen Jahr suchten 4300 Menschen zum ersten Mal eine Schuldnerberatungsstelle auf. Gesundheitliche Sorgen werden dabei selten als erstes besprochen.

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erstellt am 20.Dez.2011 | 08:25 Uhr

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