zur Navigation springen
Mecklenburg-Vorpommern

12. Dezember 2017 | 13:23 Uhr

Schuften für 5 Euro die Stunde

vom

svz.de von
erstellt am 15.Dez.2011 | 10:20 Uhr

Bützow/Schwerin | Es kam anders, als sie dachte. Schlimmer. Schmal war ihr Lohn, sehr schmal, das stand außer Zweifel. Dass er sogar zu schmal war, das weiß sie seit einem Anruf bei ihrer Gewerkschaft. Genaugenommen wollte sie nur erfragen, wie sie sich nach zwölf Jahren am besten von ihrem Arbeitgeber trennen kann. Nebenbei erfuhr sie, wie sich das nennt, was sie in einer 40-plus-x-Stunden-Woche erarbeitet: Dumpinglohn. Jetzt präsentiert sie ihrem Chef mit der Kündigung auch noch eine Rechnung - die Rechnung für das Geld, das er ihr vorenthalten hatte.

Die Frau gibt ihre Geschichte preis unter der Bedingung, dass sie unerkannt bleibt. Nennen wir sie Frau Lehmann, Frau Lehmann, gelernte Fachverkäuferin aus der Nähe von Bützow. Frauen wie sie gibt es Zehntausende im Land. Von montags bis freitags, ab und an auch am Sonnabend stehen sie auf Wochenmärkten in Verkaufswagen von Bäckereien, Fleischereien, Käsereien. Im Winter mit tauben Füßen und Strickstulpen, die Platz lassen müssen für die Finger, auf dass sie die Ware greifen können. Bleibt es länger kalt, greifen sie nach gefrorenen Stücken. Mal beginnt der Arbeitstag um 6.30 Uhr, dann wird der Wagen beladen und die Fahrt beginnt. Mal steht Frau Lehmann von 10 bis 18 Uhr hinterm Tresen. Zuverlässig wechseln die Arbeitszeiten von Tag zu Tag. Am Ende der Woche hat sie planmäßig 40 Stunden hinter sich, real wird es schon mal die eine oder andere mehr. Am Ende des Monats hat sie 795 Euro auf die Hand.

Etwas über 5 Euro pro Stunde sind das, rechnet Frau Lehmann vor. "Zum Glück habe ich ja noch einen Verdiener zu Hause, sonst würde es gar nicht gehen", sagt sie. Der Verdiener ist ihr Ehemann, seit fast 30 Jahren.

"Hauptsache Arbeit, bloß kein Hartz IV"

Herr Lehmann steht ihr bei, auch beim Gang zur Gewerkschaft, der nach dem ersten Telefonat verabredet wurde. "Wir wussten bis dahin nicht, dass ihre Bezahlung Lohndumping ist", sagt er. Aber seine Frau sei einfach kein Typ, der zu Hause rumsitzt. Zumal sie ganz allein wäre, wo doch die beiden Töchter erwachsen sind und er die Woche über durch ganz Europa auf Montage fährt. Ein Ganz-Jahres-Job sei das zwar nicht, sagt er. Doch mit Stundenlohn, Auslöse, Kilometerpauschale und dem Übergangsgeld im Winter lasse sich auskommen.

Große Sprünge sind bei Lehmanns natürlich nicht drin. Ein Glück, dass sie ihr Haus auf dem Dorf von den Eltern übernehmen konnten und dass sie auch mit einem kurzen Bungalow-Urlaub an der Ostsee zufrieden sind. Und: "Gut, dass die Kinder schon groß sind", ergänzt Frau Lehmann. Auf größere Anschaffungen müssen die Eheleute mit langem Anlauf zusteuern. "Eigentlich geht es dabei immer nur um die Autos", sagt Herr Lehmann. Er braucht seines ebenso wie seine Frau das ihre. "So ist das nun mal, wenn du auf dem Land lebst und arbeiten willst." Denn daran lassen die Lehmanns nicht rütteln: "Hauptsache Arbeit, bloß kein Hartz IV."

Einmal stand die Familie dicht davor. Herr Lehmann schüttelt sich ein wenig bei dem Gedanken daran: "Da musst du dich ausziehen bis auf die Knochen. Da bist du abgestempelt." Ohne den zweiten Verdiener würde Frau Lehmann das Heer der Aufstocker verstärken. "Anders ginge es ja gar nicht." Sie ist dankbar, dass ihr das erspart bleibt. Ihren Kolleginnen und ungezählten anderen Verkäuferinnen landauf landab ergeht es da vermutlich schlechter. Der Arbeitgeber von Frau Lehmann beschäftigt zwei fest Angestellte und drei Aushilfen. Das Thema Lohnerhöhung ist beim Chef tabu. "Das kann er sich nicht leisten", zitiert Frau Lehmann. Dabei hat sie nicht eben unverschämte Wünsche. Ein Viertel mehr - glatte 1000 Euro auf die Hand - das hätte sie anständig gefunden.

Anständig? Naja. Bei Hans-Georg Frericks in der Schweriner Geschäftsstelle der IG Metall gibt es Auskunft über Lohndumping. Dass Verkäuferin Frau Lehmann Mitglied bei den Metallern ist, hängt übrigens mit ihrer Lehrzeit in einem Industriebetrieb zusammen. "Eine ganz treue Seele", kommentiert der Gewerkschaftsvertreter, der dadurch zur Abwechslung mit den Tarifen im Einzelhandel zu tun bekommt. Er verweist auf ein Urteil des Bundesarbeitsgerichts. Demnach beginnt Lohndumping dort, wo weniger als 70 Prozent des Tariflohnes gezahlt werden. Für eine gelernte Verkäuferin, die in der komfortablen Situation ist, dass in ihrer Branche ein gültiger Tarifvertrag besteht, heißt das: Bei 7,77 Euro pro Stunde - 70 Prozent der tariflichen 11,11 Euro für eine ausgebildete Fachkraft - endet ein anständiger Lohn und das Dumping beginnt.

Gewerkschaftspost an den Arbeitgeber

Im Fall von Frau Lehmann verfasst der Gewerkschafter nun einen Brief an den Arbeitgeber, um die Differenz zwischen ihrem Stundenlohn von 5 Euro und paar Zerquetschten zu 7,77 Euro zu verlangen. Rückwirkend für drei Jahre. Die Erfolgschancen sieht Hans-Georg Frericks "bei 90 Prozent". Wobei er nicht sicher ist, ob es auf Anhieb klappt oder die Rechtsschutzabteilung des Deutschen Gewerkschaftsbundes unterstützen muss.

Frau Lehmann hätte sich gewünscht, dass ihr Chef sie im Guten ziehen lässt. Sie hat genug von seinen Launen und will sich im Verkauf selbstständig machen, um künftig auf eigene Rechnung zu arbeiten. Der Chef aber wollte nicht - nicht mehr zahlen, aber auch nicht kündigen. Nun bekommt er eine Rechnung dafür.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen