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Prozess um Baby-Misshandlung : Schütteltrauma verursachte Oskars Schwerbehinderung

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Im Prozess um die Misshandlung des kleinen Oskar durch seinen Vater wurde der Rechtsmediziner gehört. Demnach ist die Schwerbehinderung des Babys auf ein Schütteltrauma zurückzuführen. Ein Psychiater bescheinigt dem Angeklagten volle Schuldfähigkeit.

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erstellt am 02.Feb.2017 | 16:51 Uhr

Mit der Befragung des rechtsmedizinischen Sachverständigen ist am Donnerstag der Prozess gegen einen 32-jährigen Mann aus Greifswald wegen der mutmaßlichen Misshandlung seines Sohnes fortgesetzt worden. Demnach seien die schweren Verletzungen des Kindes, die zu einer 70-prozentigen Schwerbehinderung geführt haben, mit hoher Wahrscheinlichkeit auf ein Schütteltrauma im November 2014 zurückzuführen, sagte der Greifswalder Rechtsmediziner Klaus-Peter Philipp am Donnerstag vor dem Stralsunder Landgericht.   Der Lehramtsstudent ist angeklagt, sein im Juli 2014 geborenes Kind Oskar von Oktober 2014 bis Juni 2015 in 15 Fällen misshandelt zu haben. Er berief sich am ersten Prozesstag auf Erinnerungslücken und erklärte, sich nur an zwei Taten erinnern zu können. Den Vorfall im November, bei dem das Baby nach Angaben von Ärzten in akute Lebensgefahr geriet, hat der Mann  bislang nicht eingeräumt. Wie Rechtsmediziner Philipp in seinem Gutachten ausführte, sprächen für ein Schütteltrauma die von den damaligen Ärzten diagnostizierten Hirnschädigungen sowie Augenhintergrundblutungen.

Zudem geht der Experte davon aus, dass es bereits vor dieser ersten dokumentierten mutmaßlichen Misshandlung ein oder mehrere Übergriffe auf das Kind gegeben habe. So seien bei den Untersuchungen im November 2014 ältere Blutungen im Gehirn des Säuglings diagnostiziert worden.

Auf Druck der Mutter hatte das Paar nach dem Vorfall im November 2014 drei Kameras in der Wohnung installiert, die 14 mutmaßliche Gewaltübergriffe dokumentieren. Diese Taten weisen nach Angaben Philipps graduelle Abstufungen von einer groben Behandlung bis zu schweren, das Leben des Kindes erheblich beeinträchtigende Misshandlungen auf. Im Wissen um die schweren lebensbedrohlichen Verletzungen des Kindes im November 2014 hätte gerade dieses Baby wie ein „rohes Ei“ behandelt werden müssen, sagte Philipp.

Gehört wurde am Donnerstag auch die forensisch-psychiatrische Gutachterin. Sie sieht bei dem Angeklagten keine Hinweise auf eine Persönlichkeits- oder Bewusstseinsstörung und damit auf eine eingeschränkte Schuldfähigkeit. Die Ursache für die Erinnerungslücken des Angeklagten konnte Psychiaterin Peggy Grüneberg jedoch nicht erklären. „Ob es Verdrängungsmechanismen oder Schutzbehauptungen sind, ist nicht nachweisbar“, sagte sie.

Der Verteidiger des Angeklagten, Rechtsanwalt Rainer Steffens, bezweifelt das. Er schließt nicht aus, dass sein Mandant im Affekt gehandelt haben könnte und beantragte ein ergänzendes psychologisches Gutachten. Für eine Affekthandlung sprächen die starken Erinnerungsstörungen sowie die fehlenden Sicherungstendenzen des Angeklagten, sagte Steffens. „Ein planender Täter hätte vor den Übergriffen die Kameras ausgeschaltet.“ Die Anwältin der Mutter des schwerbehinderten Kindes, Angela Peters bezweifelt, dass der Täter keine Sicherungsmechanismen genutzt habe.

So sei nicht ausgeschlossen, dass der Täter Dateien gelöscht habe und die 27 Videosequenzen nur die Spitze des Eisberges gewesen seien, die der Täter beim Löschen vergessen habe, Das Gericht will am 21. Februar noch eine Kinderärztin hören, die sich zu den Entwicklungsprognosen des kleinen Oskar äußern soll.

Möglicherweise gibt es noch weitere Prozesstage, wenn das Gericht das ergänzende psychologische Gutachten beauftragt.

 

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