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Mecklenburg-Vorpommern

22. November 2017 | 00:21 Uhr

Schüsse verfehlten das Ziel

vom

svz.de von
erstellt am 18.Feb.2013 | 08:09 Uhr

Schwerin | Die 55-Jährige sitzt ruhig auf der Anklagebank im Schweriner Landgericht. Adrett frisiert, korrekt gekleidet, man würde glatt eine Lebensversicherung bei ihr abschließen. Um so ungeheuerlicher klingen die Vorwürfe, die der Staatsanwalt gestern verlas. Diese Frau soll an einem Augustmorgen im vorigen Jahr mit einem Revolver mehrfach auf eine 25 Jahre alte Frau gefeuert haben. Eine Waffe, die die Sportschützin in ihrer Handtasche trug. Kein zierlicher Damenrevolver, eine stattliche Smith & Wesson Kaliber Magnum 44, eine der stärksten Faustfeuerwaffen der Welt. Die Handtasche muss recht groß sein, damit der todbringende Schießprügel Platz darin findet.

Durch diese Tasche soll die Frau im Haus ihres "Lebensgefährten" in Kladrum bei Parchim ohne Vorwarnung den ersten Schuss auf die 25 Jahre alte Tochter des Mannes abgegeben haben. Die Kugel verfehlte ihr Ziel. Der Jüngeren gelang die Flucht ins Badezimmer - die Ältere, so die Anklage, feuerte hinterher. Was ein bisschen an den Pistorius-Fall aus Südafrika erinnert. Mit einem wesentlichen Unterschied: Die Schützin traf ihr Opfer nicht. Die junge Frau versuchte - auch das steht in der Anklage - aus dem Badezimmer zu fliehen. Doch als sie aus dem Fenster ins Freie sprang, erwartete Beatrix H. sie bereits - und schoss erneut. Diese 5. Patrone aber blieb stecken. Sie hat nicht dem Kaliber des Revolvers entsprochen, haben Waffen-Spezialisten später festgestellt. Ein Lapsus, dem die junge Frau möglicherweise ihr Leben verdankt.

Was sich genau zwischen den beiden Frauen im Morgengrauen am Tattag abspielte, soll der Prozess zeigen. Doch ein mögliches Motiv nennt bereits die Anklage: "Enttäuschung". Erst sechs Wochen zuvor hatten sich Beatrix H. und der Vater der 25-Jährigen über eine Annonce kennengelernt. Sie war offenbar schon bei ihm eingezogen. Der Fernfahrer aber wollte keine Partnerschaft. Per SMS beendete er die Beziehung.

Traf die Wut die Tochter? Nach Aufgeregtheit oder verlorenen Nerven klingt aber nicht, was gestern in der Anklage zu hören war, eher nach einem Plan. "Erst bringe ich dich um, dann die anderen!" soll die Frau gerufen haben, womöglich bezogen auf Vater und Lebensgefährten der 25-Jährigen. Aus "krasser Selbstsucht" soll die Schützin gehandelt und sich als "Herr über Leben und Tod" gebärdet haben, sagt der Staatsanwalt. "Niedrige Beweggründe" sind das aus Sicht der Anklagebehörde, die zudem ein "heimtückisches" Vorgehen sieht - klassische Mordmerkmale. Auch der Mordversuch kann mit lebenslanger Haft bestraft werden.

Die junge Frau soll nach ihrem Sprung aus dem Badzimmerfenster beherzt den Lauf des Revolvers gefasst haben, als sie merkte, dass die Kugel klemmt. Die Waffe fiel zu Boden, Beatrix H. lief zum Auto und ergriff die Flucht. Bei Sternberg baute sie einen Unfall, wurde festgenommen und sitzt seitdem in Untersuchungshaft.

Im Ermittlungsverfahren aber hat sie offensichtlich den Spieß umgedreht: Nicht sie habe geschossen, sondern die 25-Jährige, soll sie erklärt haben. "Damit geht der Albtraum für meine Mandantin weiter", sagt Christine Habetha, Rechtsanwältin und Vertreterin der 25-jährigen Nebenklägerin. Die junge Frau habe eine schwere posttraumatische Störung erlitten und sei drei Monate in der Klinik behandelt worden. Im Prozess ist sie als Zeugin geladen.

Der gestrige erste Verhandlungstag war bereits nach Verlesung der Anklage beendet. Die Angeklagte hat - offenbar auch für ihren Verteidiger Andreas Roter überraschend - ihre Aussage-Bereitschaft gestern früh zurückgezogen. Sie wolle sich nach dem Lesen der Gutachten doch noch mal mit ihrem Anwalt beraten und später aussagen. Frühestens kommenden Montag, hieß es. Das Urteil wird nicht vor Mitte März erwartet.

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