Geschichtsprojekt in Rostock : Schülernachhilfe von rechts

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NPD- und AfD-Politiker für Geschichtsprojekt in ein Rostocker Gymnasium eingeladen

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09. Juni 2016, 21:00 Uhr

NPD- und AfD-Politiker, die in der Schule über Rechtsextremismus sprechen: Klingt nach einem gewagten Experiment? Doch genau so haben es sich nach Angaben der betroffenen Schule Schüler eines Rostocker Gymnasiums gewünscht. Im Rahmen eines Geschichtsprojekts luden Neuntklässler des Innerstädtischen Gymnasiums die umstrittenen Gesprächspartner in die Schule ein und sorgten damit für viel Wirbel.

Neben dem Landtagskandidaten Holger Arppe von der Alternative für Deutschland (AfD) haben die Jugendlichen auch den NPD-Abgeordneten David Petereit interviewt. Beide Politiker sind bereits wegen menschenfeindlicher Äußerungen aufgefallen. Der Ex-AfD-Landeschef Arppe wurde im vergangenen Jahr wegen Volksverhetzung verurteilt, ebenso wie Petereit.

„Diese Einladungen waren verantwortungslos“, sagt die Bildungsexpertin der Linken, Simone Oldenburg, gestern in Schwerin, nachdem die Ostsee-Zeitung empört darüber berichtet hatte. Politische Ansichten ausgewogen zu vermitteln, sei zwar wichtig, aber das ginge nicht, „wenn zwei Hetzer eingeladen werden“. „Vor allem der Besuch der NPD ist inakzeptabel - das ist eine rechtsextremistische, demokratiefeindliche Partei“, sagte Oldenburg. „Die Interviews fanden jeweils in zwei Zweier-Gruppen im Rahmen des Wahlpflichtunterrichts zum Thema Rechtsextremismus am Nachmittag statt und nicht während der Geschichtsstunde vor einer Klasse“, erklärt der Schulleiter des Gymnasiums in Rostock, Thomas Döring. Bei den beiden durchaus kritischen Streitgesprächen sei immer der verantwortliche Lehrer des Projekts dabeigewesen.

Als Schulleiter sei er natürlich informiert gewesen, dass die vier Schüler der beiden Gruppen NPD- und AfD-Politiker einladen wollten. Dass es sich um Arppe und Petereit handelte, habe er nicht gewusst. „Das ist natürlich sehr bedauerlich, wie sich das jetzt entwickelt“, sagt Döring.

Die Kritik an den Einladungen könne er zum Teil nachvollziehen. Viele seiner Schüler dagegen nicht. „Ich habe mit einer elften Klasse darüber geredet. Die fragten, wie man sich außer durch Konfrontation mit den Parteien sonst mit dem Thema auseinander setzten soll.“ Rechtlich sei es nicht untersagt, politische Vertreter in den Schulunterricht einzuladen, teilte das Bildungsministerium mit. Besondere Regelungen für Politiker von NPD und AfD gebe es nicht. „Dennoch ist es sehr, sehr ungewöhnlich“, sagt Sprecher Henning Lipski.

Über Rechtsextremismus in der Schule direkt mit rechtsextremen und rechtspopulistischen Politikern zu sprechen, ist nach Ansicht des Landesschülerrats keine gute Idee. „Dafür sind Lehrer zuständig, die neutral und sachlich über das Thema aufklären“, sagt der Vorsitzende Benjamin Braun.

Dem stimmt auch der Politikwissenschaftler Christian Zimmermann von der Universität Siegen zu. „Auf der einen Seite ist es gut, einen demokratischen Unterricht zu führen. Aber bei diesen beiden Gesprächspartnern hätte ich als Lehrer trotzdem interveniert - vor allem bei der NPD“, sagt der Experte. Bei der AfD könne man sich streiten. „Die AfD ist nicht zuletzt wegen ihrer jüngsten Wahlerfolge ein gesellschaftliches Phänomen“, sagt Zimmermann. Weil die Parteiströmungen sehr heterogen seien, müsse man genau darauf achten, ob und wen man einlade. „Verurteilte Straftäter zählen sicherlich nicht dazu.“

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