Gewalt an Schulen : Schüler greifen öfter Lehrer an

Umfrage: Zwei Drittel der Pädagogen in MV betroffen

von
01. Februar 2018, 05:00 Uhr

Schlagen, spucken, mobben – Gewalt gegen Lehrer in Mecklenburg-Vorpommern ist vermutlich größer als bislang angenommen. Eine Umfrage des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) unter Pädagogen des Landes kommt zu alarmierenden Ergebnissen: Zwei Drittel der Teilnehmer gaben bei der Umfrage an, in den letzten Jahren persönlich mindestens einmal mit körperlicher oder psychischer Gewalt konfrontiert worden zu sein. „Berichtet wurde in den Antworten unter anderem über beleidigende Schmierereien an Wänden, aber auch über Tritte gegen schwangere Lehrkräfte, Angriffe mit spitzen Gegenständen und Morddrohungen“, sagte VBE-Landesvorsitzender Michael Blanck gegenüber unserer Redaktion. Etwas mehr als die Hälfte der Betroffenen seien körperlich angegriffenen worden, der Rest verbal. Berichtet wurde über Gewaltausübung von Schülern und von Eltern.

Viele Lehrer hätten zudem den Eindruck, dass die Zahl der Übergriffe und deren Heftigkeit in den letzten Jahren zugenommen hätten, so der VBE-Landesvorsitzende.

 

Eine offizielle Statistik des Bildungsministeriums führt für 2016 landesweit 29 meldepflichtige Angriffe auf Lehrer auf. Davon fanden 11 in Grundschulen und 12 in Förderschulen statt. Zahlen für 2017 liegen noch nicht vor. Im Jahr zuvor waren 21 Angriffe beim Bildungsministerium gemeldet worden.

Aus Sicht des VBE spiegelt diese Statistik nicht die ganze Realität wieder. „Gewalt gegen Lehrer ist an vielen Schulen leider noch ein Tabu-Thema“, erklärte Blanck. Lehrer würden sich scheuen, Angriffe gegen ihre Person bekannt zu machen – aus Angst, dass ihre pädagogische Kompetenz und Durchsetzungsfähigkeit in Zweifel gezogen werden könnten. Mit der Umfrage, an der Pädagogen anonym teilnehmen konnten, will der Verband das Dunkelfeld schulischer Gewalt aufhellen und Institutionen für das Thema sensibilisieren.

Kommentar von Thomas Volgmann: Kein Respekt

Lehrer werden bespuckt, gemobbt, geschlagen. Doch was in anderen Berufsgruppen wie etwa bei der Polizei schon längst offen thematisiert wird, ist in der Lehrerschaft immer noch ein Tabu. Offiziell weiß das Schweriner Bildungsministerium gerade einmal von 20 bis 30 Übergriffen auf Lehrkräfte pro Jahr im Land. Dagegen zeichnet eine anonyme Umfrage des Berufsverbandes ein ganz anderes Bild. Dort gaben zwei Drittel der Teilnehmer an, in den vergangenen Jahren mindestens einmal Opfer von Beleidigungen, Bedrohungen, Schlägen, Fußtritten und anderen Gewalttätigkeiten geworden zu sein. Doch statt konsequent gegen diese unhaltbaren Zustände vorzugehen, schweigen Lehrer viel zu häufig. Die Gründe sind vielschichtig: Fehlende Unterstützung durch Vorgesetzte, Zweifel an der Erfolgsaussicht und an Konsequenzen sowie die Angst als Versager ohne Durchsetzungskraft und pädagogischer Kompetenz darzustehen.

Gewalt gegen Lehrer ist aber nicht das Privatproblem der Betroffenen. Es ist vielmehr Ausdruck eines auch in anderen Berufsgruppen wahrgenommenen zunehmenden Verlustes an Respekt in der Gesellschaft und einer stärker werdenden Bereitschaft Konflikte mit Gewalt auszutragen. Polizisten, Rettungskräfte oder Mitarbeiter in Behörden bekommen diese fatale Entwicklung täglich bei Auseinandersetzungen zu spüren.

Gewalt gegen Lehrer muss also raus aus der Tabuzone. Übergriffe sollten konsequent gemeldet und geahndet werden. Dazu ist es notwendig, dass sich der Dienstherr unterstützend hinter die Lehrkräfte stellt.

Denn bei der Bekämpfung von Respektlosigkeit und Gewalt kommt Schulen eine ganz besondere Bedeutung zu. Denn wo sollte man damit anfangen, wenn nicht dort.


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen