Landwirte in MV : Schreibtisch statt Stall

 

 

Heimische Landwirte klagen über ausufernde Bürokratie: Jede zweite Arbeitsstunde geht für Anträge, Nachweise oder Statistiken drauf.

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10. Mai 2018, 20:45 Uhr

Verordnungen, Statistiken, Antragsverfahren: Die wachsende Bürokratielast setzt den Landwirten in MV zu. „Der Bauer muss 50 Prozent seiner Arbeitszeit am Schreibtisch verbringen, um Auflagen, Nachweispflichten und Kontrollen zu bewältigen“, kritisierte Bauernpräsident Detlef Kurreck jüngst auf dem Bauerntag. Die Betriebe hätten ein Wust von zusätzlichen Auflagen zu erfüllen.

Es ist nahezu alles geregelt: Landes-, Bundes- und EU-Behörden haben Land- und Forstwirten etwa 80 verschiedenste Dokumentations-, Antrags-, Berichts- oder auch Meldepflichten auferlegt, teilt das Landwirtschaftsministerium auf eine entsprechende parlamentarische Anfrage des Landtagsabgeordneten Ralf Borschke von der Partei Bürger für Mecklenburg-Vorpommern (BMV) mit – von der jährlichen Weinstatistik, der Viehzählung bis zu Angaben zum Verbrauch von Pflanzenschutz- oder Tierarzneimitteln und verschiedensten Anträgen für die Agrarförderung. Es wird immer mehr. Einer der neuesten Behördenforderungen: Nach der so genannten Wirtschaftsdüngerverbringungsverordnung müsse der Verbleib von Gülle, Jauche oder Mist nachgewiesen werden – von dem Betrieb, der den Wirtschaftsdünger abgebe, von dem, der ihn transportiere und von dem, der ihn auf den Acker ausbringe, erklärt Kurreck: „Jeder Mist wird drei Mal registriert.“ Dabei würde eine Registrierung ausreichen. Die neue Verordnung sei seinerzeit erlassen worden, um dem vermeintlichen Düngeraustausch über Ländergrenzen hinweg in den Griff zu bekommen. Am Ende habe sich aber herausgestellt, dass MV kein Import- sondern ein Exportland von Wirtschaftsdünger sei, meinte Kurreck.

Schreibtisch statt Stallgang: Tierhalter müssten im Monat 32 Stunden aufwenden, um ihre bürokratischen Pflichten zu erfüllen, ermittelte der Bauernverband im vergangenen Jahr – vier Stunden mehr als 2014. Allein für die Registrierung der Nutztiere und die Dokumentation von Tierarzneimitteln seien monatlich gut zwölf Stunden „Schreibarbeit“ notwendig. Hinzukomme die in den letzten Jahren gestiegenen Anforderungen bei Antragstellungen, Aufzeichnungen und Nachweispflichten der EU-Agrarförderung. Dafür gingen im Jahr 61 Stunden drauf, so der Verband. Für viele Bauern zu viel: Sie lassen Agrarförderung lieber verfallen. Landwirt Christian Ringenberg vom gleichnamigen Hof in Alt Negentin im Landkreis Vorpommern-Greifswald beispielsweise: 1000 Hektar bewirtschaftet der 39-Jährige südlich von Greifswald – auch Blühflächen, der Umwelt zuliebe. Erweitern werde er die für die Bienen wichtigen Flächen aber nicht. Der bürokratische Aufwand sei zu hoch, lehnte Ringenberg vor Kurzem ab. Die Saatenmischung, der Mischungsanteil, die Zahl der verschiedenen Kräuter – alles sei vorgeschrieben und müsse eingehalten werden, erklärte Bauernpräsident Kurreck. Angesichts der Anforderungen schlage auch er im eigenen Betrieb die Förderung aus – zu hoch das Risiko, bei Verstößen Strafe zahlen zu müssen.

Die Bürokratie hat einen Stand erreicht, der viele Landwirte aufgeben lässt: Immer öfter würden junge Betriebsnachfolger fragen: Muss ich mir das antun?, meinte Kurreck. So leiste die Bürokratielast in einigen Fällen ungewollt einer Agrarstrukturwende Vorschub. Dabei gehörten bis zu 20 Prozent der Verordnungen, Statistiken und Antragsverfahren auf den Prüfstand, verlangte Kurreck.

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