„Die Ärzte“ beim „Forstrock“ in Jamel : Schrei nach Liebe an der Frontlinie

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Zehnte „Jamel rockt den Förster“ bringt erwartete Überraschung, gute Musik und setzt ein Zeichen gegen Rechtsextremismus

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28. August 2016, 19:25 Uhr

Jamel um Viertel nach Mitternacht. Der von rund 1200 Fans bejubelte Auftritt des Madsen Familienclans im Förster-Garten von Birgit und Horst Lohmeyer ist gerade vorüber, da tritt überraschend Bela B ans Mikrophon. Er sagt, er hätte bei seinem Auftritt mit der Gypsy-Swing-Band Danube’s Banks am frühen Abend einen wichtigen Song vergessen. Das wolle er nun nachholen. Hätte soeben die Erlaubnis von Madsen erhalten, dieses Lied auf deren Anlage zu spielen. Da er dafür auch einen Bassisten und einen Gitarristen benötige, hätten sich zwei alte Freunde herbegeben. Der Rest der Ansage geht unter im Jubel der Zuschauer.

Ein Gerücht, das seit Tagen in Fan-Foren die Runde machte, erfüllt sich nun auf wundersame Weise. Bela B steht hier in Jamel gemeinsam mit Rodrigo González und Farin Urlaub auf der Bühne. Und nachdem das bekannte eingängige Gitarrenriff einsetzt, ist allen Beteiligten klar, wohin die Reise gehen soll: „Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe, Deine Springerstiefel sehnen sich nach Zärtlichkeit...“. Das Publikum übernimmt mit erstaunlicher Stimmkraft aus dem Stand und ganz ohne Aufforderung den Part des Leadsängers und die Musiker der „Besten Band der Welt“ können es im ersten Moment selbst kaum fassen. Die Ärzte strahlen voller Freude über so viel Textsicherheit und Zuwendung.

Das Lied aus dem Jahr 1993 hat eine direkte Anrede an einen jungen Neonazi zum Inhalt. Es war das erste, in dem sich die Band öffentlich politisch positionierte, nachdem zuvor der Spaßfaktor im Vordergrund stand. „Hier heißt es, Flagge zu zeigen und sich zu solidarisieren mit Menschen, die vor rechter Gewalt nicht zurückweichen“, begründete Bela B. seine Teilnahme an dem zweitägigen Rockfestival. Allen hier ist klar – dieser Ärzte-Auftritt ist ein bewusstes Statement und möglicherweise das kürzeste Konzert in der Band-Geschichte. Denn nach fünf Minuten ist schon wieder Schluss.

Es ist DER emotionale Peak von zwei großartigen, musikalisch überaus reichhaltigen Festivaltagen in dem weltbekannten 40-Seelen-Dorf. Jamel liegt nicht weit von Wismar und auch von Schwerin fährt man nicht länger als eine halbe Stunde. Trotzdem fühlen sich viele Erstbesucher in ein Territorium im Ausnahmezustand versetzt. Direkt auf einem Parkplatz vor dem Festivalgelände verlief die Frontlinie. Ein starkes Polizeiaufgebot achtete sorgsam darauf, dass sich niemand der Festivalgäste in den gesperrten Teil des Dörfchens verirrt. Auch ein Kameramann der BBC London ist vor Ort, will mehr über „dieses Nazidorf“ erfahren.

Die meisten Einwohner sollen der rechtsextremen Szene angehören? Im Ort zeigt tatsächlich ein Wegweiser nach Braunau am Inn. Auf einem Stein prangt die Aufschrift „Dorfgemeinschaft Jamel, frei – sozial – national“. Eine im Wind wehende Flagge erinnert an unrühmliche, vergangene Zeiten. Ist diese Zeit vorbei oder klopft sie gerade wieder an unsere Türen?

Das interessiert nicht nur den britischen TV-Reporter, auch unter dem vorwiegend jungen Festivalpublikum wird ausgiebig diskutiert. Bringen die bevorstehenden Landtagswahlen mögliche Kräfteverschiebungen? Oder bleibt doch alles wie es war? Polit-Prominenz wie Claudia Roth und Mathias Brodkorb oder Ingo Schlüter vom DGB kann befragt werden. Auch die Festival-Schirmherrin Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig würdigt am Samstagabend das Engagement der Organisatoren Birgit und Horst Lohmeyer und der Musiker gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Gewalt. „So etwas wie national befreite Zonen darf es in Deutschland nicht geben“, sagt Madsen-Sänger Sebastian.

Das Publikum feiert im Anschluss ausgiebig mit Rock-Legende Wolf Maahn, dem Hip-Hop-Trio Fettes Brot, der Rapperin Sookee, den Ohrbooten, ZSK und Tequila & The Sunrise Gang. Sie alle sorgen auch am Samstagabend für echte Partystimmung. Der Überraschungsauftritt der Ärzte bleibt der herzerwärmende Gipfelpunkt eines lange nachhallenden Jubiläumsfestes in Jamel.
 

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