Groß Raden : Schotte bringt Schäferei auf Trab

Erst wenige Stunden alt sind die beiden Lämmer, die Schäfer David Paterson im Arm hält. Foto: Jens Büttner
Erst wenige Stunden alt sind die beiden Lämmer, die Schäfer David Paterson im Arm hält. Foto: Jens Büttner

Seit zwei Jahren ist der Schotte David Paterson Leiter einer Schäferei in Groß Raden. Der 59-Jährige brachte aus seiner Heimat jede Menge Wissen, neue robuste Rassen und drei Border Collies als Hütehunde mit.

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02. Mai 2013, 06:27 Uhr

Sternberg | Lässt sich mit Schafen heute in Deutschland noch Geld verdienen? Landwirt Christian Diederichs nickt: "Ja, das geht." Aber er schränkt sofort ein: "Bei Draußenhaltung. Stallhaltung rechnet sich nicht mehr." Die Landwirtschaftsgesellschaft seines Vaters in Groß Raden (Landkreis Ludwigslust-Parchim) hat das zu spüren bekommen, fast wäre es schief gegangen. Gut 1500 Mutterschafe standen in den Ställen aus DDR-Zeiten. Doch Stallhaltung ist teuer, zum Füttern und Ausmisten wird viel Personal gebraucht. Vor drei Jahren schauten sich die Landwirte in der Welt um, wie sie es anders machen könnten und schrieben die Stelle des Schäfers aus. Seit zwei Jahren ist der Schotte David Paterson bei ihnen Betriebsleiter.

Mit 3500 Tieren - 2700 Mutter- und 800 Jungschafen - ist Groß Raden Diederichs zufolge die größte Schäferei in Mecklenburg-Vorpommern. Der 59-jährige Schotte brachte jede Menge Wissen mit, neue robuste Rassen, die mit den traditionellen Schwarzköpfigen Fleischschafen gekreuzt werden, und drei Border Collies als Hütehunde. Seine Frau May, die gut Deutsch spricht, arbeitet während der Lammzeit im Betrieb mit.

Doch in Groß Raden lernte der erfahrene Schäfer ein Problem kennen, das es in Schottland so nicht gibt, wie er sagt: Krähen und Kolkraben. Mehrere hundert Lämmer verlor der Betrieb schon an die schwarzen Vögel, die über den Weiden kreisen und bei einer Geburt sofort zur Stelle sind. Ihnen geht es um die Nachgeburt, aber sie hacken neugeborenen Lämmern auch die Augen aus, reißen Zungen und Schwänze ab, berichtet Diederichs. "Vor allem bei Zwillingsgeburten, wenn die Mutter noch mit dem zweiten Lamm beschäftigt ist." Sind die Jungtiere nur ein wenig älter, greifen die Vögel kaum noch an. In diesem Jahr bleiben daher die Muttertiere, die Zwillinge und Drillinge erwarten, im Stall. Die Schäfer - neben Diederichs und Paterson sind zwei Männer angestellt - haben alle Mutterschafe per Ultraschall untersucht und wissen, dass bis Mitte Mai rund 3600 Lämmer zur Welt kommen. Sobald die Kleinen sicher auf den Beinen sind, gehen sie auf die Weide. Der Betrieb mit 1100 Hektar hat karges Ackerland in Weiden umgewandelt, die besseren Äcker werden von einem benachbarten Betrieb in Lohnarbeit mit bestellt. Die Diederichs konzentrieren sich ganz auf die Schafhaltung.

Ab Ende August werden die Lämmer verkauft, sie wiegen dann 40 bis 45 Kilo. Einige werden schon früher von holländischen Betrieben zur Weitermast genommen, die meisten aber gehen an einen Großhändler. Dessen Abnehmer kennt Diederichs nicht. Pro Kilo Lebendgewicht gibt es derzeit 2,40 Euro, ein auskömmlicher Preis, wie er meint. Zumal auch die Wolle wieder etwas mehr bringt, sodass die Kosten für das Scheren gedeckt werden.

Die Lämmer im Frühjahr zur Welt kommen zu lassen, ist dem Zuchtleiter des Landesschafzuchtverbandes, Sven Grumbach, zufolge ein Schritt zurück zur Natur. Der Nachteil sei, dass Lammfleisch im Herbst billiger ist. Schäfer, die die Tiere im Stall halten, könnten im Herbst geborene Lämmer als Osterlämmer teurer verkaufen. Dem stünden die hohen Futterkosten bei Stallhaltung gegenüber.

Grumbach zufolge gibt es kein allgemeingültiges Rezept für die Schafhaltung. Jede Rasse stelle ihre eigenen Bedingungen. Die wirtschaftliche Bedeutung der Schafhaltung sieht er in Zukunft eher schwinden, obwohl sich Deutschland bei Lammfleisch nur zu 50 Prozent selbst versorgt. Einheimisches Lamm sei teurer als neuseeländisches.

Der Bestand an Mutterschafen hat sich in MV nach seinen Angaben von 104 000 im Jahr 1990 auf jetzt 48 500 mehr als halbiert. Lammfleisch direkt zu vermarkten, daran haben die Diede richs schon gedacht, den Plan aber verworfen. "Es gibt zu wenig Abnehmer in der Region", sagt der 35-Jährige. Zudem brauche man einen Schlachthof, einen Laden, Personal, müsse Hygienebedingungen einhalten. Gerade hat der Betrieb in eine Strohlagerhalle und 30 Kilometer Koppelzäune investiert. Vor Wölfen sind die Schafe damit nicht ausreichend geschützt, das weiß Diede richs. Doch mehr sei jetzt nicht drin.

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