zur Navigation springen
Mecklenburg-Vorpommern

15. Dezember 2017 | 11:13 Uhr

Schornsteinfeger verliert Bezirk

vom

svz.de von
erstellt am 22.Jan.2012 | 07:50 Uhr

Schwerin | Nun ist er also weg. Zumindest vorerst. Das Wirtschaftsministerium hat einem Schornsteinfeger den Kehrbezirk nördlich von Schwerin entzogen. "Gründe sind die deutlich angewachsenen Probleme bei der Verwaltung seines Kehrbezirkes", sagt Ministeriumssprecher Gerd Lange. Einen neuen Kehrbezirk soll der Schornsteinfeger nicht bekommen. Hinter dem Schritt steht aber noch ein Fragezeichen. Denn vermutlich wird der Mann klagen. Schon einmal hatte das Ministerium ihm seinen Kehrbezirk entzogen, dann aber vor Gericht verloren.

Rückblende: Mitte vergangener Woche trifft sich eine Bürgerinitiative. Es ist laut in der Aula der Schule Lübstorf (nördlich von Schwerin). 40 Menschen sind gekommen. Einige sitzen auf Stühlen, andere stehen, alle diskutieren. Auf der einen Seite des Raumes steht eine grüne Tafel, auf der anderen Seite eine Bühne. Zwischen Tafel und Bühne brodelt der Unmut.

Die Menschen, die sich hier ärgern, sind ganz unterschiedlich. Einige tragen Blaumann, andere Krawatte, einige sind Mitte 20, andere über 70 Jahre alt. Diese Menschen haben wenig gemein. Vielleicht würden sie sich eigentlich nicht einmal gemeinsam an einen Tisch setzen. Einen kleinsten gemeinsamen Nenner haben sie dann aber doch: den gleichen Schornsteinfeger. Besser gesagt: den selben Ärger mit dem gleichen Schornsteinfeger. Selbst dem Wirtschaftsministerium, oberster Dienstherr der Schornsteinfeger, gelang es bisher nicht, den Problemkehrer in den Griff zu bekommen (wir berichteten).

Die Querelen beginnen bereits vor mehr als zwölf Jahren. Damals fängt der Mann an, massenweise Kamine selbstständig zu sperren, obwohl es dazu eigentlich der Zustimmung einer Baubehörde bedarf. Er lässt Menschen im Kalten sitzen, schreibt wilde Rechnungen mit teils horrenden Forderungen. Mit der Zeit wird das Verhalten des Mannes immer merkwürdiger, immer willkürlicher, immer unberechenbarer. So jedenfalls nehmen es seine Kunden wahr. Unter ihnen macht sich Angst breit. "Er hat einen Waffenschein und eine Waffensammlung", sagt Hans Gruber. Das Wirtschaftsministerium nennt den Schornsteinfeger einen "Sportschützen". Der zuständige Landkreis überprüft aktuell, ob bei den Waffen des Mannes alles mit rechten Dingen zugeht. Egal, wie die Überprüfung ausgeht: Hans Gruber macht sich Sorgen.

Er war es auch, der schließlich beschloss, dem Schornsteinfeger endgültig das Handwerk zu legen. Er gründete im vergangenen Jahr eine Bürgerinitiative. Der promovierte Chemiker hoffte auf ein paar Mitstreiter. Doch seine Aktion löste eine Welle der Zustimmung aus. "Das hätte ich nie erwartet", sagt er. In kürzester Zeit fanden sich 10, 20, 40, 65 Mitstreiter. Alle genervt vom Schornsteinfeger, viele am Ende mit ihren Nerven. "Wir alle verstehen nicht, warum das Wirtschaftsministerium nicht handelt", sagt Ulf Bäker. Er habe so etwas in einem gut organisierten Land wie Deutschland vorher nicht für möglich gehalten. Ein Schornsteinfeger auf Abwegen - und niemand kann ihn stoppen. Selbst die Innung distanziert sich von den Machenschaften.

Einen Versuch, den Mann loszuwerden, unternahm das Wirtschaftsministerium bereits. Es entzog dem Schornsteinfeger seinen Kehrbezirk. Das ließ der Handwerker aber nicht auf sich sitzen. Er klagte, bekam Recht, Schadensersatz und seinen Kehrbezirk zurück. Das Verwaltungsgericht sah damals keine ausreichenden Gründe für den Schritt. In einem anderen Verfahren unterlag der Schornsteinfeger, wurde vom Gericht wegen Nötigung zu einer mehrmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt. Doch selbst diese Verurteilung reichte offenbar nicht, um ihn zu suspendieren.

Doch wenn das Gericht dem Schornsteinfeger erneut seinen Bezirk zurückgeben sollte, hat die Bürgerinitiative einen Plan: Sie will ihn mit Anzeigen bei der Kriminalpolizei überziehen. Mindestens vier sind schon bei der Polizei eingetroffen. Dutzende sollen folgen. Der Vorwurf: Gefährdung von Eigentum, Leib und Leben. "Damit wollen wir erreichen, dass die Staatsanwaltschaft aktiv wird", sagt Gruber.

Für unsere Zeitung war der Schornsteinfeger nicht zu erreichen. Allerdings schrieb er einen Brief. Er tue nur seine Pflicht, hieß es darin sinngemäß. Sein Beruf sei ein besonders verantwortungsvoller und er versuche lediglich, diese Verantwortung wahrzunehmen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen