Allein über den Dächern : Schornsteine fegen mit lackierten Fingernägeln

<strong>Helle Nägel, schwarze Hände:</strong> Schornsteinfeger-Azubi Constanze Werner  <foto>dapd</foto>
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Helle Nägel, schwarze Hände: Schornsteinfeger-Azubi Constanze Werner dapd

Constanze Werner hat sich einen Beruf ausgesucht, der fest in Männerhand ist: Die 21-Jährige wird Schornsteinfegerin. Außer ihr erlernen derzeit 19 junge Männer in Mecklenburg-Vorpommern dieses Handwerk.

svz.de von
20. Juni 2012, 08:04 Uhr

Banzin | Die schicken langen Fingernägel von Constanze Werner fallen sofort auf. Blickt man auf die Hände der 21-Jährigen, scheinen ihre hellen Nägel regelrecht zu leuchten. Denn ihre Finger, mit denen sie den Holm einer Leiter umgreift, sind rußschwarz. Die junge Frau ist angehende Schornsteinfegerin, die einzige weibliche Auszubildende der Innungsbetriebe in MV. Routiniert stellt Werner die Leiter an die Wand eines Hauses im kleinen Dörfchen Banzin (Ludwigslust-Parchim). Ihr Chef Klaus-Peter Stoecker sichert sie. Dann klettert die junge Frau die Sprossen zum Dach hinauf. Ihr Ziel: der Schlot. Werner demonstriert, wie man ihn reinigt. Ein typischer Fehler, den viele beim Heizen mit Holz machten, erklärt sie, sei, dass sie nasses Brennmaterial verfeuerten. "Die Gefahr ist, dass sich Glanzruß bildet und der Schornstein dann dicht ist."

Stoecker wartet unten und beobachtet, wie sich sein Schützling auf dem Dach macht. Für die beiden ist das Alltag, Werner ist bereits im dritten Lehrjahr. "Sie wird auch von mir übernommen, das heißt: Ab dem 1. August ist sie dann Gesellin bei mir", sagt ihr Chef.

Von 20 Auszubildenden sind der Innung zufolge 19 Jungen. Überhaupt ist der Schornsteinfegerberuf als technisches Handwerk männlich dominiert. Im Nordosten gibt es der Schweriner Handwerkskammer zufolge eine einzige Schornsteinfegermeisterin. Bundesweit liege der Frauenanteil in diesem Beruf bei etwa elf Prozent, gibt der Zentralverband Deutscher Schornsteinfeger (ZDS) an.

Dass in Banzin eine junge Frau auf dem Dach steht und sich am Schornstein zu schaffen macht, scheint dort nicht mehr zu verwundern. Wohl aber, dass deshalb extra die Presse gekommen ist, um Fotos zu schießen. Schon nach kurzer Zeit kommt ein Nachbar an den Zaun und ruft neugierig: "Was ist denn hier für ein Anlass?" Schornsteinfegermeister Stoecker deutet nur grinsend auf seine Auszubildende. "Am Anfang haben die Kunden schon komisch geguckt, wenn sie die Tür aufgemacht haben, und dann stand ich davor", erzählt Werner wenig später bei einer Tasse Kaffee und Keksen auf der Terrasse ihres Chefs. Aber inzwischen hätten sich alle daran gewöhnt.

Ihr Ausbilder weiß, dass er mit einem weiblichen Lehrling einen noch ungewöhnlichen Weg beschreitet. Abschrecken konnte ihn das nicht: "Ich habe keine Angst davor, ein Mädchen auszubilden", sagt Stoecker gelassen. Wenn eine Frau diesen Ausbildungsberuf ergreife, tue sie das nicht, weil sie nichts anderes gefunden habe. "Dann ist echtes Interesse da."

Doch von diesen Mädchen gibt es bislang noch wenige. Die Betriebe der Schornsteinfegerinnung erhielten kaum Bewerbungen von Interessentinnen, sagt Landesberufsbildungswart Henning Grot. "Es ist teilweise auch körperlich schwere Arbeit", sagt er. Das schrecke ab. Dabei könnte die Innung Nachwuchs gut gebrauchen: Mit ihren aktuell 20 Auszubildenden könne sie nur etwa zwei Drittel ihres Bedarfs an Fachkräften decken.

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