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Jugendtempel in Schwerin : „…schön und erhaben zugleich“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Modisches Accessoire und malerisches Element im Landschaftspark: Jugendtempel im Schweriner Schlossgarten hat bewegte Geschichte

svz.de von
erstellt am 16.Mai.2014 | 12:06 Uhr

„So gewinnt denn alles in und um Schwerin ein besseres, freundlicheres Ansehen“, jubelte die Lokalzeitung „Freimüthiges Abendblatt“ am 17. März 1837. Grund für die Begeisterung: der Wiederaufbau des Jugendtempels im Schweriner Schlossgarten. Nun hat dort erneut ein Wiederaufbau begonnen. Dass der Parkteil dadurch ein noch freundlicheres Aussehen bekommen soll, versteht sich. Und Begeisterung für den Tempel hat der Verein der Freunde des Schweriner Schlosses bereits vor dem Baustart geweckt - mit ambitionierten Spendensammlungen, die eine Realisierung des Vorhabens überhaupt erst ermöglichten.

Dr. Irmela Grempler und ihren Mitstreitern geht es darum, mit dem kleinen Pavillon ein Stück Historie wiederherzustellen. „Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren Tempel schwer in Mode“, sagt die Koordinatorin des Vorhabens. Dafür stehen zahlreiche Säulenbauten in Landschaftsparks, unter denen der Monopteros im Englischen Garten in München sicher der bekannteste ist. In den „begehbaren Landschaftsgemälden“ dieser Parkanlagen waren Tempel die malerischen Elemente, gleichzeitig dienten sie als Aussichts- und Ruhepunkte. Das war in Schwerin nicht anders: „Ergreifend schön und erhaben zugleich ist die Rundsicht vom offenen Pavillion...“, heißt es im Freimüthigen Abendblatt vom 17. Juni 1836 über die kleine Rotunde im Schlossgarten.

Der erste Schweriner Tempel war vermutlich 1824 nach einer Zeichnung entstanden, die Barca 1821 angefertigt hatte. „Anlass für den Bau war die Hochzeit von Erbgroßherzog Paul Friedrich mit der preußischen Prinzessin Alexandrine 1822. Möglich, dass der Tempel auch schon in jenem Jahr erbaut wurde“, sagt Rainer Blumenthal vom Schweriner Stadtarchiv. Er hat aufmerksam die Geschichte des kleinen Bauwerks verfolgt - und die Bestrebungen, es wieder aufzubauen.

Dafür engagiert sich zum Beispiel Wolf-Dieter Saß. „Ende 1836 flog der erste hölzerne Tempel bei einem Sturm weg“, weiß Saß. Der gebürtige Schweriner ist Mitglied im Verein der Schlossfreunde und hat in den zurückliegenden Jahren zahlreiche Fakten zusammengetragen. Eine oft mühevolle Recherchearbeit, bei der Saß viel Zeit in Archiven verbrachte und ganze Stapel alter Zeitungen durchblätterte. So fand er auch den Beitrag aus dem Jahr 1837, der wenige Monate nach dem zerstörerischen Sturm den Wiederaufbau des Tempels vermeldete. Es war das Jahr, in dem Erbgroßherzog Paul Friedrich an die Regierung kam und die Residenz aus Ludwigslust zurück nach Schwerin verlegte. Der Monarch hatte zahlreiche Verschönerungen am Schlossgarten veranlasst: So entstand ganz im Zeitgeschmack der Greenhouse-Garten mit dem Greenhouse, das der großherzoglichen Familie während der Sommermonate als Wohnung diente und das vor allem die Großherzogin sehr liebte. Ob der Wiederaufbau des Tempels so forciert wurde, damit Alexandrine morgens beim Blick aus dem Fenster etwas besonders Schönes sah – wer weiß? Fest steht, dass Baumeister Wünsch von Barcas Entwurf abwich. Allerdings ist der Plan aus dem Jahr 1837 nicht erhalten – genauso wenig wie der eines zweiten Nachfolgerbaus, der vermutlich im Zeitraum der 60er bis 80er Jahre des 19. Jahrhunderts entstand und den damals marode gewordenen Holzbau ersetzte. Eine Aussage, die Rainer Blumenthal allerdings noch skeptisch sieht: „Es fehlen die Dokumente, die das beweisen.“ Der Bau des Jahres 2014 fußt auf den noch vorhandenen, fast 200 Jahre alten Plänen von Barca.

So entsteht auf dem Schweriner „Tempelberg“, einer natürlichen Anhöhe in unmittelbarer Nähe des Schleifmühlenwegs, ein Rundtempel mit acht Säulen, der von einer schiefergedeckten Kuppel nebst vergoldeter Kugel gekrönt wird. „O sterbliche Menschen, lobpreiset den Schöpfer der schönen Natur. Er segnet die Saaten, belaubet die Haine, macht blumig die Flur“ verkündete einst eine schwärmerische Inschrift im Innern der Kuppel.

Wenn heutige Skeptiker vermuten, dass nach Fertigstellung weitere, weniger historische Inschriften dazukommen könnten, kann Wolf-Dieter Saß nur hinzufügen, dass die Sorge ums anständige Benehmen auch früheren Generationen nicht fremd war: „Daß dem Publikum der freie Zutritt zu diesen hübschen Partien erlaubt ist, verdient gewiß Anerkennung; dagegen sollte man ungezogenen Jungen, welche sich lärmend und zerstörend zwischen den Blumen, Pflanzungen etc. umherjagen, nur in Begleitung ihrer Eltern oder überhaupt unter der Aufsicht Erwachsener, oder doch die ersteren wenigstens für den Schaden, den ihre Kinder anrichten, auf irgend eine Weise verantwortlich machen...“ heißt es 1836 im Freimüthigen Abendblatt. Ungeachtet dessen hofft Saß, dass die Schweriner selbst das kleine Bauwerk als Schatz wahrnehmen und nicht zulassen werden, dass es verkommt.

Dieses Schicksal hatte den Jugendtempel im vergangenen Jahrhundert getroffen. Schon 1939 wurde im Wirtschaftsplan der Stadt Schwerin angemahnt, dass er dringend einer „liebevollen Betreuung“ bedürfe. „In diesem Tempelein könnt’s wahrlich schöner sein“ schrieb 1964 die Norddeutsche Zeitung und regte an, das marode Bauwerk im Rahmen des Nationalen Aufbauwerks wiederherzurichten. Dieser Vorschlag scheiterte jedoch an fehlenden Kapazitäten für Tischler-, Dachdecker- und Maurerarbeiten. Und noch etwas kam hinzu: 1963 war am Jugendtempel die Leiche einer 42 Jahre alten Schwerinerin gefunden worden. Und obwohl die Polizei nur kurze Zeit später einen 24-jährigen Deutschen als Mörder überführte, hielt sich in Schwerin hartnäckig das Gerücht, Russen aus der benachbarten Kaserne hätten die Frau vergewaltigt, ausgeraubt und umgebracht. Immer wieder legten Menschen am Tempel Blumen nieder – und eine Wallfahrtsstätte, die Hass gegen das Brudervolk schürte, konnte die politische Führung nun wirklich nicht brauchen. Im Sommer 1964 wurde der Schweriner Jugendtempel abgerissen.

„Wir sind dort häufig vorbeigegangen, wenn mein Vater am Sonntag auf die Paulshöhe wollte“, erzählt Wolf-Dieter Saß. Rainer Blumenthal kann sich noch gut erinnern, dass sein Schulweg am Tempel vorbeiführte. „Klar haben wir uns oft da herumgetrieben - bis es mir meine Mutter wegen der Geschichte mit dem Mord verboten hat“, sagt er. Auch in den Familiengeschichten vieler anderer Schweriner hat der Jugendtempel einen Platz – sei es, weil der Sonntagsspaziergang hierher führte oder die Straßenbahn nach Zippendorf am Tempelchen vorbeibimmelte. Mit dem Bau des neuen Tempels nach altem Vorbild hoffen die Schlossfreunde, im Bereich von Heckengarten und Hippodrom wieder einen Anziehungspunkt zu schaffen. Denn an einer Sache hat sich im Verlauf vieler Jahre nichts geändert: Von der Anhöhe bietet sich eine phantastische Aussicht auf Grünhausgarten und Ostorfer See.

 




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