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Mecklenburg-Vorpommern

25. November 2017 | 05:06 Uhr

Schöffe nebenbei - nicht ganz einfach

vom

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erstellt am 24.Apr.2013 | 10:35 Uhr

Kühlungsborn | An seine erste Verhandlung als ehrenamtlicher Richter kann sich Knut Cremer nicht mehr genau erinnern. Aber das Gefühl, als ein Angeklagter bei einer Verhandlung einen Mord schilderte, werde der 63-jährige Selbstständige nicht so schnell vergessen. "Es ist eine wirklich interessante Arbeit, man kann dabei eine Menge über sich selbst lernen", erzählt Cremer. Wenn in der Presse über Fälle geschrieben wird, dann sei es leicht, sich ein Urteil darüber zu bilden. "Aber wenn die Lebensgeschichte des Angeklagten vor einem ausgebreitet wird, dann merkt man erst einmal, dass es doch nicht so einfach ist und man das Für und Wieder abwägen muss und auch kann. Es ist zwar manchmal schwer, wenn man weiß, was sie getan haben, aber es muss sein. Denn als Schöffe vertritt man die Stimme des Volkes", sagt Cremer. Der Selbstständige befindet sich seit über vier Jahren im Schöffenamt. Ein gelernter Jurist sei der Richter ohne Robe nicht, aber das sei auch gut so. "Ich sehe bei einer Verhandlung nicht die ganzen Paragrafen, sondern den Menschen vor mir."

Er wollte sich schon immer ehrenamtlich engagieren und wählte dafür die Arbeit als Schöffe. "Ich glaube, ich habe die Schöffen-Ausschreibung in einer Tageszeitung gelesen und da habe ich mich einfach beworben." Dafür musste er nur einen Bogen beim Ordnungsamt ausfüllen und dann wurde er von den Gemeindevertretern zum Schöffen gewählt - und bisher habe er es auch nicht bereut. "Zwar ist es wirklich manchmal unglaublich, was man so sieht und für Geschichten hört, aber ich kann damit für Gerechtigkeit sorgen", so der 63-Jährige. Einige Fälle sind aber dennoch immer wieder erschütternd. "Manchmal fragt man sich während einer Verhandlung, wie Menschen zu so grausamen Taten fähig sind und das geht wirklich an die Substanz." Dennoch sei ein Schöffe zur Unbefangenheit verpflichtet. "Man darf niemals Mitleid oder Anteilnahme zeigen, sonst würde der Prozess abgebrochen werden." So, wie bei einem Fall, von dem er hörte. Dort habe der zuständige Schöffe während der Verhandlung gesagt: "Ach, ein bisschen kann der Angeklagte einem aber auch leid tun." Daraufhin wurde der Prozess wegen Befangenheit abgebrochen und musste neu eröffnet werden. "So etwas geht nicht. Man darf den Fall nicht zu sehr an sich heranlassen. Was die Unbefangenheit angeht, müssen wir wie hauptamtliche Richter sein", betont Cremer.

Die Karriere des jetzt Selbstständigen begann aber weitab von der Justiz - er ist gelernter Touristiker. Anfangs war er bei einer Hamburger Firma. "Manchmal musste ich die Firma vor Gericht vertreten, aber nur, weil dort jemand von der Firma stehen musste. Mehr Bezug zur Justiz habe ich nicht." Danach ging er nach Lübeck zu TT-Line als Marketingmanager, anschließend war er stellvertretender Geschäftsführer bei DFDS-Seaways. "Ich war immer in der Touristik und habe deswegen ein Hotel in der Nähe von Kühlungsborn gekauft", erzählt Cremer. Nachdem das Hotel erfolgreich war, verkaufte er es. "Auch um mich mehr um meine Kinder zu kümmern, ich wollte nicht, dass diese bei anderen aufwachsen, nur weil wir viel arbeiten mussten", erklärt der Familienvater. Aus diesem Grund machte sich Knut Cremer selbstständig. Was die Karrieren seiner Kinder betrifft, war diese Entscheidung sehr gut: "Meine Tochter ist momentan eine der fünf besten DJanes in Schweden. Mein Sohn ist Landesmeister von MV in lateinamerikanischen Tänzen und er ist auch DJ in Schweden."

Aber nicht nur um seine eigenen Kinder bemüht er sich - vor einigen Jahren halfen die Cremers einem Jungen, der drohte auf die schiefe Bahn zu geraten. "Ein Freund meiner Tochter hatte wirklich Probleme und drohte abzurutschen. Da konnten meine Frau und ich nicht einfach zugucken und haben ihm ins Gewissen geredet." Mittlerweile mache der junge Mann sein Abitur nach.

Der Schritt in die Selbstständigkeit war für Cremer mit Erfolg verbunden, denn neben seinem eigenen Immobilienbüro Abaco, ist er auch stellvertretender Geschäftsführer bei Skål. "Ich arbeite vor allem mit schwedischen Partnern zusammen, durch die Kontakte meiner Frau, die aus Schweden kommt. Deshalb ist die Tätigkeit einfach für mich. "

Durch seine Arbeit bei der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft und seine diversen Indienreisen könne er die Bilder und die Schilderungen, die er als Schöffe bei Verhandlungen bekommt, ertragen. "In beiden Situationen habe ich schon schreckliche Dinge gesehen. Beim DLRG habe ich auch mal eine Leiche aus dem Wasser gezogen und in Indien ist das Leben auch nicht für jeden dort angenehm, das gibt mir einen gewissen Bezug dazu", verdeutlicht Cremer.

Für die nächste Wahlperiode der Schöffen hat er sich auch schon beworben. "Ich möchte sehr gerne noch eine Amtszeit ranhängen." Dieses Mal verlief die Bewerbung allerdings nicht so einfach. Er musste nicht nur den normalen Bewerbungsbogen beim Ordnungsamt ausfüllen, sondern auch zu einem Vorstellungsgespräch bei den Gemeindevertretern erscheinen. Diese stimmen nun geheim ab, ob er erneut als Richter ohne Robe infrage kommt. Nun müsse er nur noch auf die Entscheidung warten. "Ich hoffe, sie nehmen mich noch einmal. Dabei wäre mir auch egal, ob nun Land- oder Amtsgericht."

Nur eines würde er ungern machen: Jugendschöffe sein. "Ich denke einfach, dass ich zu alt bin, um über das Verhalten und die Strafe von Jugendlichen zu urteilen, das sollten jüngere Menschen machen", erklärt der gelernte Touristiker. Schließlich habe jeder mal einen Fehler in der Jugend begangen. Er wolle nicht die Zukunft der jungen Menschen durch ein Urteil in eine bestimmte Richtung drängen. Allerdings, betont er, "wäre es generell toll, wenn sich jüngere Leute für das Schöffenamt bewerben." Damit das Bild dieser Arbeit nicht nur aus Rentnern bestehe.

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