Erwin Sellering in Stern Buchholz : Schneller ankommen

Ministerpräsident Erwin Sellering  und Sozialministerin Birgit Hesse (beide SPD) im Gespräch mit dem syrischen Kinderarzt Ahmed Jamal Al Ajagi (v.l.n.r.)
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Ministerpräsident Erwin Sellering und Sozialministerin Birgit Hesse (beide SPD) im Gespräch mit dem syrischen Kinderarzt Ahmed Jamal Al Ajagi (v.l.n.r.)

Bundesweit einzigartiges Integrationsbüro in Stern Buchholz soll Flüchtlingen den Weg zur beruflichen und privaten Eingliederung ebnen

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15. März 2016, 05:00 Uhr

„Will you stay in Mecklenburg-Vorpommern?“ – „Werden Sie in Mecklenburg-Vorpommern bleiben?“ Die Frage von Integrationsministerin Birgit Hesse hat Ahmed Jamal Al Ajagi so direkt wohl nicht erwartet. Doch dann macht er eine zustimmende Geste. Die zierliche Ministerin reckt die Faust nach oben. „Yes!“

Zuwanderer wie die sechsköpfige syrische Familie Al Ajagi sind im Nordosten besonders gern gesehen. Der Familienvater ist Kinderarzt – und die werden händeringend gesucht. Auch seine Frau als Apothekerin hat gute Chancen auf Arbeit und damit auf Integration.

Um möglichst vielen Flüchtlingen mit sicherer Bleibeperspektive hier so schnell wie möglich auch eine berufliche Perspektive bieten zu können, hat gestern in der Erstaufnahmeeinrichtung in Stern Buchholz ein Integrationsbüro die Arbeit aufgenommen. Hier geht die Erfassung der Stammdaten Hand in Hand mit gezielter Berufs- und Sozialberatung. In ausführlichen Gesprächen wird versucht, so viel wie möglich über den familiären Hintergrund, über Vorkenntnisse und Ziele der Geflüchteten in Erfahrung zu bringen. Abgestimmt auf ihre Wünsche können sie dann zielgerichtet weitervermittelt bzw. qualifiziert werden. Die Einrichtung, in der neben dem Flüchtlingsamt auch die Arbeitsagentur und Betreuungsnetzwerke vertreten sind, ist bundesweit einmalig, betonte Ministerin Hesse.

Ministerpräsident Erwin Sellering nannte gestern bei einem Besuch in Stern Buchholz berufliche Eingliederung den wichtigsten Schlüssel zur Integration. Für erste Gruppen – vor allem im Gesundheitsbereich – gebe es bereits Eingliederungsprojekte. Er wisse aber auch, dass viele der Flüchtlinge, vor allem junge Männer, erst hier in Deutschland ausgebildet werden müssten, so Sellering. Es gebe Rückmeldungen sowohl aus dem Handwerk als auch von den IHKs, dass man bereit sei, dabei zu helfen. Angesichts der Landtagswahlen am Wochenende, bei denen eine große Skepsis in Bezug auf Flüchtlinge zum Ausdruck kam, sagte Sellering: „Bei Unternehmern spüre ich diese Skepsis nicht – sie wissen um den Fachkräftemangel, der auf sie zukommt.“ Dennoch nehme er die Wahlergebnisse in Sachsen-Anhalt, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz sehr ernst, betonte der Ministerpräsident. Er wisse um die Sorgen vieler Menschen, die sich von der großen Zahl an Flüchtlingen regelrecht überrollt fühlten. Ihnen halte er entgegen, dass es hier im Land keine Notunterkünfte mehr gebe, dass die Integration Fahrt aufnehme – das Büro in Stern Buchholz mache das augenscheinlich. „Die Probleme sind lösbar“, betonte der Regierungschef.

Der Erstaufnahmeeinrichtung in Stern Buchholz werden momentan täglich nur noch höchstens 30 Flüchtlinge – fast ausschließlich Syrer – zugewiesen. Dazu kommen ebenso viele Personen, die bisher noch nicht in Deutschland registriert seien. Im Herbst dagegen waren pro Tag mehrere hundert Flüchtlinge in MV angekommen. Insgesamt wurden 2015 etwa 19 000 Asylsuchende im Land registriert, nur ein Drittel von ihnen blieb auch.

„Wir versuchen, eine Hierbleibe-Kultur zu entwickeln“, sagte Ministerin Hesse gestern. Regierungschef Sellering betonte aber auch: „Wir wollen nicht um jeden Preis Menschen hier halten.“ Wenn jemand in einem anderen Bundesland Arbeit bekommen könne, sei das natürlich besser, als wenn er hier von Sozialhilfe leben müsse.

Karin Koslik

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