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Wohlenberger Wiek : Schnabelwal inspiziert Boote auf Wismarbucht

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der verirrte Schnabelwal schwimmt weiter durch die Wohlenberger Wiek und taucht urplötzlich neben Booten auf. Vielleicht sucht er Gesellschaft. Ob er den Weg aus der Ostseebucht selbst findet oder ob Meeresbiologen ihm helfen können, ist noch völlig offen.

Wie gebannt schauen die Angler auf der Mole von Wohlenberg auf einen Punkt in der Ferne. Der Wal, der dort neben einem Boot aus dem Wasser springt, fesselt ihre Aufmerksamkeit mehr als die Posen ihrer Angeln. Viele Neugierige sind nur wegen des Schnabelwals an den westmecklenburgischen Ostseestrand gekommen. Das Tier ist ein Irrgast aus dem Nordatlantik und wird seit zwei Wochen immer wieder in der Wohlenberger Wiek gesichtet, einem flachen Teil der Wismarer Bucht. Dort war der Wal gestrandet und von Anglern wieder ins Wasser geschoben worden.

Das Boot, das vom Ostseebad Boltenhagen herüberkommt, gehört dem Deutschen Meeresmuseum in Stralsund. Der Meeresbiologe Michael Dähne ist erfreut über die erneute Sichtung des seltenen, noch wenig erforschten Meeressäugers - und zugleich verärgert. Der Wal tauchte so plötzlich vor dem kleinen, offenen Boot auf, dass er das Objektiv seiner Kamera nicht schnell genug wechseln konnte. „Für ein Teleobjektiv war er viel zu dicht am Boot“, sagt der Kurator für Meeressäuger am Meeresmuseum. Von dem Sowerby-Zweizahnwal hat er diesmal nur Detailaufnahmen - den dunklen Rücken mit der Finne, den gekerbten Schwanz. „Blickkontakt hatten wir auch“, sagt Dähne.

Der Wal ist nach Ansicht der Stralsunder Wissenschaftler ein junges, noch nicht geschlechtsreifes Weibchen von etwa vier Metern Länge.

Über Sowerby-Zweizahnwale - benannt nach dem ersten Biologen, der die Art beschrieb - und Schnabelwale als Tiefseebewohner überhaupt ist noch wenig bekannt. Von Schnabelwalen gibt es vermutlich einige noch unbeschriebene Arten, wie Dähne sagt. Als bisher längster Sowerby-Zweizahnwal ist ein fünfeinhalb Meter langes männliches Tier dokumentiert. Aus Mecklenburg ist zuletzt von 1913 die Strandung eines solchen Wals überliefert.

Das vor Wismar gesichtete Walweibchen taucht gerne neben Booten auf.„Es inspiziert die Boote regelrecht. Warum es das tut, kann ich nicht beantworten“, sagt Dähne. Möglicherweise ist es auf der Suche nach Artgenossen. Sowerby-Zweizahnwale leben gesellig. Als Säugetier ist der Wal ständig in der Nähe der Oberfläche. Im Durchschnitt taucht er nur zehn bis 15 Minuten am Stück, wie Dähne sagt.

Marco Weiße ist Kapitän des Bäderbootes „Seebär“ und bietet Fahrten zu Sandbänken an, auf denen mit etwas Glück Seehunde zu beobachten sind. Er hat den Wal erstmals seit zehn Tagen nicht gesehen. „Man ist voller Hoffnung, wenn man ihn nicht sieht“, sagt er. Denn das könnte bedeuten, dass der Schnabelwal einen Weg aus der Wohlenberger Wiek heraus gefunden hat und über die Nordsee nach Hause in den Atlantik zurückkehren könnte. Die Schwierigkeit, aus der Ostseebucht herauszukommen, ist nur unter Wasser zu erkennen: Die Bucht hat eine Flachwasserzone von weniger als einem Meter Tiefe, vor der sich der Wal offensichtlich scheut. Er müsste die vergleichsweise enge Fahrrinne finden und dort entlangschwimmen, erklärt Dähne.

Wegen des bevorstehenden Winters macht er sich Sorgen um das Tier. In der flachen Ostsee wird es kälter als im Atlantik. Friert die flache Bucht zu,könnte der Wal unter dem Eis ersticken. Auch ist nicht bekannt, wovon er sich genau ernährt. Normalerweise jagt er im Atlantik in bis zu 800 Metern Tiefe Tintenfische. In der Ostseebucht, die nur fünf bis zehn Meter tief ist, frisst er vermutlich Heringe.„Schlimmstenfalls frisst er gar nichts“, sagt Dähne. Bisher sehe der Wal jedoch nicht krank oder abgemagert aus. Er springe auffallend häufig. „Es ist anzunehmen, dass es ihm gut geht“, hofft der Biologe.

Die Wissenschaftler haben die Idee, den Wal mit Lauten seiner Art zu locken und aus der Ostseebucht herauszulotsen. Dafür müssen sie einen Trick anwenden: Dähne hat mit Unterwassermikrofonen die weltweit ersten Tonaufnahmen eines Sowerby-Schnabelwals gemacht, weitere sollen folgen. Er will versuchen, ihm die Aufnahmen vorzuspielen und ihm so die Illusion eines Artgenossen zu geben, dem er folgen könnte. Ob das gelingt, ist völlig offen. Aus der Bucht treiben wollen die Wissenschaftler den Wal nicht. Das würde ihm Stress bereiten und ihn möglicherweise erneut zum Stranden bringen.

Letztendlich aber sei der Wal ein Wildtier, und solange es ihm gut gehe, gebe es keinen Grund zum Eingreifen, gibt Dähne zu bedenken.

Die Chance, die Art besser zu erforschen, will er sich aber nicht nehmen lassen. Solange der Schnabelwal gesichtet wird, soll das Boot alle zwei bis drei Tage auf die Wohlenberger Wiek hinausfahren.

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