Pilger in MV : Schmerzende Füße und freie Köpfe

<p>Sechs Stempel sammelte Marianne Niebert auf ihrer ersten Pilgerreise durch MV.</p>
Foto:
1 von 2

Sechs Stempel sammelte Marianne Niebert auf ihrer ersten Pilgerreise durch MV.

Acht Pilger begaben sich für neun Tage in MV auf alte Pfade. Bei ihrer Rückkehr erzählen sie von ihren Eindrücken

svz.de von
13. Juni 2016, 21:00 Uhr

Irgendwo auf dem Weg musste Johannes Schmitz loslassen. Das war sein Plan. „Leer werden“, hatte er es genannt. „Einfach gucken, was kommt.“ 173 Kilometer hatte er Zeit dazu, bevor er  Schwerin erreichte.  Doch das Loslassen hatte er sich anders vorgestellt.

Kleiner Rückblick: Neun Tage zuvor machte sich Schmitz gemeinsam mit acht weiteren Teilnehmern zum Pilgern auf dem Weg der Heiligen Birgitta auf. Er ist einer von vier Pilgerpfaden in Mecklenburg-Vorpommern und führt von Rügen bis nach Niedersachsen. Die Gruppe startete in Tessin. Schmitz wollte leer werden, Marianne Niebert  sich vom stressigen Alltag erholen. Zurück zu sich selbst finden. Die Gründe zu pilgern sind so vielfältig wie die Pilger selbst. 

Täglich  legte die Gruppe mindestens 25 Kilometer zurück.  Laage, Güstrow, Baumgarten, Tempzin... Mal schliefen die Pilger im Doppelstockbett, mal in Gemeindehäusern auf dem Boden. Alles was sie brauchten, trugen sie bei sich: Kleidung, Regenschutz, Isomatte, Schlafsack, Besteck und eine Trinkflasche. Tageszeitengebete, Schweigezeiten  und biblische Impulse.  200000 Schritte  und einige Blasen später erreichten sie am Wochenende schließlich die St. Anna-Kirche in  Schwerin.

„Ich habe es geschafft. Das ist ein tolles Gefühl“, sagt Marianne Niebert. Die 57-Jährige pilgerte das erste Mal. „Der Kopf ist freier als zuvor. Ich grüble nicht mehr“, sagt sie. Alles sei beim Pilgern intensiver: der Wind in den Haaren, das Zwitschern der Vögel, der Weg unter den Füßen. „Im Alltag lebt man viel in der Vergangenheit und in der Zukunft“, erklärt Niebert. „Man überlegt, was man getan hat und was man noch tun muss. Das ist hier weg. Man lebt nur im Hier und Jetzt.“ Für die Sassnitzerin die tollste Erfahrung: „Ich hoffe, ich kann mir dieses Gefühl ein bisschen erhalten.“

Der Weg, die Felder und Wälder und die Grenzen dazwischen haben ihn am meisten beeindruckt, sagt Schmitz. Die Pilgerpfade in MV – nur zu empfehlen, so der Schleswig-Holsteiner Johannes Schmitz.  „Es ist ein tolles Gefühl, in so eine schöne Kirche  zu Fuß hineinzugehen, wenn man 170 Kilometer bis zu ihr gelaufen ist“, sagt er. Dafür hätten sich die Anstrengungen gelohnt.

„Jetzt bin ich ziemlich müde“, gibt der 61-Jährige zu. Die Füße schmerzten. 32 Kilometer war die längste Etappe lang. Zu weit für Schmitz, musste er sich eingestehen. „Das Befinden meiner Füße hat mich sehr gefesselt“, meint er. „Ich musste für mich schmerzlich feststellen, dass ich so weite Tagestouren gar nicht mehr gehen kann.“ Nun will er nur noch kurze Etappen bewältigen. 15 Kilometer. Mehr nicht. „Diese Erkenntnis war für mich auch ein Art loslassen“, sagt er. Loslassen von den langen Touren. Von den kleinen aber nicht. „Nach Mecklenburg-Vorpommern komme ich gerne wieder. Die Natur ist hier unbeschreiblich schön.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen